Grenzwertig

Ein bisschen Action musste ja noch sein neben dem Spanischlernen und in-der-Hängematte-hängen. Sprachschule und Gastschwester halfen, um nicht wieder nur allein unterwegs zu sein.

Mit einem Kleinbus wurden wir dienstags nach auswärts gefahren und auf mehr als 2.000 Metern rausgelassen. Jeder bekam ein Geschirr mit allen möglichen Karabinern, Haken und Schlaufen angelegt, dann ging es auch direkt schon los zum Ziplining. Im Nebelwald oberhalb von Boquete sind diverse Plattformen in die Bäume gebaut, verbunden mit dicken Stahlseilen. Man hüpft einmal in die Höhe und wird mit Hilfe eines Mitarbeiters an die Leine gehängt, dann hängt man rum, kriegt kurze Anweisung, wie man welche Hand zu halten hat und was die Beine machen sollen - und dann lassen sie einen los und es geht in einem Affenzahn durch die Baumwipfel, insgesamt fast drei Kilometer weit und über 130 Höhenmeter. Sehen tut man bei der Geschwindigkeit natürlich nicht, ob da jetzt irgendwo ein Faultier oder Puma im Baum hängt, aber faszinierend war es trotzdem, die Aussicht unglaublich über den Dschungel und die Stadt weiter unten.

 

Wenn man nicht grade im Urwald unterwegs ist, lässt sich Boquete gut zu Fuß navigieren - jedenfalls wenn man keine Angst vor Bussen und Taxis hat. Der Ort ist zweigeteilt in Alto (Ober-) und Bajo (Unter-) Boquete und auf Fußgänger scheint man ja in Panamas Städten generell eher nicht so eingerichtet zu sein. Es gibt zwar einen Fußweg entlang der Straße, der ist aber spätestens alle paar hundert Meter unterbrochen von Schotter oder Stufen oder einfach einem Loch im Boden, sodass es nicht so wirklich schönes spazieren ist.

Alternativ nimmt man einen Bus, der ist entweder ein großer moderner Reisebus (seltener) oder ein 9-Sitzer-Kleinbus, der bei jeder Kurve auseinander zu fallen droht.

 

Busse halten an festen Bushaltestellen entlang der einen großen Straße, die gleichzeitig auch eine Sackgasse ist. Nach Boquete geht es nicht wirklich weiter, weil dann der Vulkan kommt.

Neben dem Fahrer sitzt ein weiterer Mann, der ist fürs finanzielle zuständig und rechnet die 25 bis 45 Centésimos ab, die eine Fahrt kostet. Jedenfalls wenn man Einheimischer ist. Als Tourist bekommt man auch mal kein Rückgeld auf seinen Balboa/Dollar oder kriegt irgendeinen anderen Preis gesagt. Feste Fahrpläne oder Preislisten gibt es nicht, denn es ist eigentlich kein öffentlicher Verkehr. Gastschwester Astrid erklärte mir, dass es nur ein einzelner Mann im Ort ist, der sich Busse angeschafft hat, Fahrer beschäftigt und selbst festlegt, was genau wie wann wo passiert. 

Ansonsten gibt es auch noch gelbe Taxis, da sollte eine Fahrt auch nicht mehr als einen Balboa kosten, wurde mir gesagt. Ich hab aber eigentlich immer mehr gezahlt, wenn ich es nicht passend hatte.

Taxis halten dafür dort, wo man ihnen winkt und dann bringen sie einen dorthin, wo man hinwill, auch wenn noch andere mit im Taxi sitzen. Cooles Konzept irgendwie, wie ein günstiges Sammeltaxi. Aber auf Dauer würde mir der richtige ÖPNV doch fehlen. 

 

Während meinem Aufenthalt war gerade "Feria de las flores y del café", ein zweiwöchiges Festival, das jedes Jahr tausende Besucher anzieht, die aus dem ganzen Land extra nach Boquete kommen. Schon in Bocas haben alle davon geschwärmt. So begeistert war ich dann aber nicht - eigentlich war es nur ein Platz voll mit Fressbuden (praktisch alles frittiert, wie es in Panama so üblich ist) und Verkaufsständen mit dem gleichen Billigkram, den es bei uns auch gibt. 

Schön war es trotzdem, denn Astrid und ihr Freund begleiteten mich und es war ein sehr netter Abend. Ein Pavillon war richtig toll, hier dürfen nur echte Locals ihre Ware anbieten und es gab ganz wunderbares Kunsthandwerk zu begucken.

 

Wo genau der "flores"-Part des Festivals ist, hat sich mir nicht so erschlossen - in jedem öffentlichen Park hab ich mehr und buntere Blumen gesehen...

Auch Kaffee gibt es nicht sonderlich viel beim Festival. Dafür bin ich aber am nächsten Tag Astrid im Ort bei ihrer Arbeit in einem Café besuchen gegangen. Das wurde eröffnet, um dem kommerzialisierten Kaffee der Region was entgegen zu setzen. Es wird nur Kaffee angeboten, der von kleinen Kaffeebauern aus Boquete kommt und die nicht so viel liefern können, wie die großen Konglomerate wollen.

So gibt es dort eben Kaffee, den man vielleicht an keinem anderen Ort der Welt trinken kann. Und man tut auch noch was gutes, wenn man welchen kauft. 

Astrid wartete, bis ihr Chef im Feierabend war, dann machte sie mir ihren Lieblingskaffee namens Geisha. Eine kleine Tasse kostet normalerweise um die 12$ und wenn man der Zubereitung zusieht, kann man ahnen, wieso. Die Bohnen werden frisch gemahlen, dann in einer gläsernen Karaffe auf einer Waage mit auf den Milliliter abgemessenem heißen Wasser drei mal aufgegossen und das Resultat schmeckt ganz faszinierend, eigentlich nicht nach Kaffee. Hätte man mir nicht gesagt, was es ist, ich hätte es nicht benennen können.

 

Der Extra-Aufwand beginnt aber eigentlich auch schon vor der Ernte: die Sträucher sind kleiner, brauchen mehr Platz und produzieren weniger Kaffeebeeren, die speziell geerntet, getrocknet und schon vor dem Rösten aussortiert werden. Nur die besten Bohnen kommen in den Verkauf.

 

12$ hätte ich definitiv nicht für eine Tasse zahlen wollen, aber den Geisha-Kaffee probieren zu können war schon ganz cool. Das Internet sagte mir später, dass Geisha-Kaffee oft als teuerste Kaffeesorte der Welt genannt wird, die teuerste Variante wurde schon für über 30$ pro Kilo verkauft. Auf der international anerkannten Skala der besten Kaffees der Welt ist Geisha regelmäßig unter den Top 10 Prozent.

Besonders billig kam ich davon, als mir eines Tages der Bügel meiner Sonnenbrille abbrach. Sehr unpraktisch, wo doch noch eine Woche Pazifikküste anstand. Ich lief zum Optiker, erklärte mein Problem und dass ich wegen Gläsern mit Dioptrien nicht einfach eine neue Brille für 2$ im Laden nebenan kaufen könnte.

Die Optikerin zückte ihr Werkzeug, machte beide Bügel ab und tauschte sie mir aus mit welchen, die sie noch rumliegen hatte. Aufwand: etwa 10 Minuten. Dann hämmerte sie auf dem Taschenrechner rum, ich machte mich schon gefasst auf überteuerte Touristenabzocke - und musste dann 1,07$ zahlen. Sie hatte mit dem Rechner offenbar nur die 7% Steuer ausgerechnet auf den einen Dollar - ob das nun der Preis fürs Material oder für ihre Zeit war, weiß ich allerdings nicht.

 

Nach zwei erfolgreich absolvierten Wochen Spanischkurs musste nochmal ein bisschen richtig urlauben sein - also dachte ich mir, hüpfe ich noch fix über die Grenze nach Costa Rica, wo alles gleich mindestens drei mal so teuer ist wie in Panama.

 

Boquete ist nicht weit von der Grenze, aber irgendwie hatte ich mich wohl falsch informiert und der Weg bis zum Corcovado-Nationalpark stellte sich als komplizierter raus als gedacht. Sechs oder sieben Busse hätte ich nehmen müssen, die insgesamt zwischen fünf und acht Stunden gebraucht hätten, um pünktlich um 16 Uhr an meinem gebuchten Bootshuttle zu sein. Die Busse hatte ich ja schon gesehen und hatte neben den Gedanken zu "wie zur Hölle soll denn mein Koffer da rein passen?" auch leichte Bedenken bezüglich Bösewichten, die unbeteiligten unauffällig wirkenden Touristen Drogen oder sonstiges ins Gepäck schmuggeln. Es ging ja schließlich um einen Grenzübertritt in Mittelamerika.

Im Internet fand ich einen guten Artikel von 2024, wo jemand im Detail mit Fotos eine Anleitung gibt, wo genau man was in welcher Reihenfolge machen muss, um ohne Probleme von Panama nach Costa Rica zu kommen. Er sprach über unübersichtliche Gebäude, missverständliche Ausschilderung, einen breiten Streifen Niemandsland, wo man wenn man nicht aufpasst und zu früh in ein Taxi steigt, plötzlich illegal in Costa Rica ist.

Mein Gastpapa war so lieb und brachte mich im Auto die anderthalb Stunden bis zur Grenze. Dort angekommen sprach er einen jungen Mann an, wo ich hin müsste. Dabei dachte ich doch, ich weiß alles dank dem Artikel. Aber falsch gedacht, denn 2025 wurde die Grenzerfahrung von der Regierung sehr vereinfacht.

 

Der junge Mann führte mich vorbei an einer riesigen Menschenschlange, von der ich nicht rausfinden konnte, wofür sie anstanden. Er brachte mich zu Ronald mit den Worten "hier ist dein Taxifahrer", ich protestierte lautstark, hatte ich doch ein bisschen Bammel vor dem versehentlichen illegalen Grenzübertritt. Auf mein Bestehen hin, zur Immigration laufen zu wollen, gestikulierten beide wild zu einem Verkehrsschild: "Migración 4.8km".

Na gut, also ins Taxi gehüpft, Ronald brachte mich zum neugebauten Terminal, sagte "geh auf dieser Seite rein, durchs Gebäude, ich warte auf dich auf der anderen Seite". Schon an der Außenwand überall Schilder, dass man sein Gepäck nicht aus den Augen lassen soll.

 

Ein Beamter fuchtelte mit einem Detektor an mir rauf und runter (Metall entdeckte er nicht...?), dann schickte er mich in einen separaten Anbau. Dort ein Schild "Bitte stellen Sie Ihr Gepäck hier ab". Hmpf. Es war nicht viel los, aber meinen Koffer stehen zu lassen und weg zu gehen, hat sich doch sehr falsch angefühlt.

Ich musste meinen Pass zeigen, eine Beamtin schrieb alle Details daraus ab und informierte mich, dass man aktuell auf Malaria getestet werden muss, um einreisen zu dürfen. Ihr Kollege nebendran piekte mir in den Finger, nahm einen Tropfen Blut ab und tropfte ihn auf einen Teststreifen, der sehr an die Coronaschnelltests erinnerte. Dann bekam ich einen Wattebausch zum Draufdrücken, durfte gehen und meinen Koffer wieder einsammeln.

Die tatsächliche Aus- und Einreise ging dann ganz schnell. An einem Tisch hängt die Panamaflagge, da wurde ich nach meinem Job gefragt und musste mein Flugticket für die Ausreise aus Costa Rica zeigen. Stempel in den Pass und gut.

Am nächsten Tisch hing die costaricanische Flagge, der Beamte fragte, wo ich wohne, sagte "ah, Hamburg. Schön." Ich erzählte, dass dort grade kalt und Schnee ist, er grinste, Stempel in den Pass und gut.

Draußen stand Ronald und jubelte, als er mich mit gestempeltem Pass wiedersah.

 

Eigentlich wollte Ronald mich die fünf Kilometer zurückbringen an die eigentliche Grenze, wo die Busse abfahren. Ich fragte ihn nach Alternativen und er bot an, mir vier mal umsteigen und mindestens drei Stunden Fahrt zu ersparen und mich direkt nach Sierpe zu bringen, wo der Bootshuttle auf mich wartete. Umgerechnet 80€ wollte er für etwa anderthalb Stunden Fahrt, "aber nur, wenn wir zwischendurch anhalten können und was essen gehen", weil er noch kein Mittag hatte. Auf halber Strecke gingen wir also gemeinsam Empanadas essen und Limo trinken, er erzählte mir von Panama und ich ihm von Deutschland.

 

Um kurz vor elf waren wir in Sierpe, ich hatte mich schon drauf eingestellt, ein paar Stunden mit meinem Buch im Café zu sitzen, um auf das 16-Uhr-Boot zu warten. Aber als wir ankamen, flitzte direkt ein Mann heran, fragte wo ich hin wolle, hievte sich meinen Koffer auf die Schultern und brachte mich zum Boot mit den Worten "fährt in zehn Minuten". Manchmal läufts halt einfach.

Das Boot ist die Entsprechung zum Bus und bringt für je 20$ bis zu 30 Leute zur Osa-Halbinsel, wo einer der schönsten Nationalparks des Landes sein soll. Nach über einer Stunde waren wir an der Nordküste der Halbinsel, wo es nur einen kleinen Ort gibt, der aber nicht mal einen Anleger hat. Stattdessen fährt das Boot rückwärts an den Strand ran, alle ziehen ihre Schuhe aus, und wenn grade kein Ruf von "Tiene ola!" ("Da kommt ne Welle!") kommt, hüpft man ins Wasser und läuft zum Strand. Kurz warten, dann wird auch schon das Gepäck rausgebracht. Mein Hotel wusste schon Bescheid und hatte jemanden geschickt, der meinen Koffer die steile Treppe zu meinem Bungalow für mich hochtrug. Urlaub konnte beginnen! 

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