Mit täglichen Spanischstunden bis mittags verpasste ich alle offiziellen Ausflüge, sodass ich hauptsächlich alleine und mit dem Wassertaxi unterwegs war. Am Samstag war der eine freie Tag, bevor ich Sonntag Mittag wieder abreisen sollte.
Weil es morgens schon nieselte (angeblich Trockenzeit und es hat an 5 von 7 Tagen geregnet), fiel der geplante Schnorchel- und Strandausflug mit Boot ins Wasser. Stattdessen nahm ich mir ein normales Taxi, von denen die meisten hier allradangetriebene Jeeps in knallgelb sind. 20 Minuten dauerte die Fahrt nach Bluff, wo sich der Großteil der lokalen Surferszene abspielt - und es war auch direkt klar, warum. Breiter flacher Sandstrand und Wellen, bei denen uns bei Aida das Vorderdeck überspült worden wäre.
Ich war aber nicht für Strand und Surfen gekommen. Ich wollte Wildlife sehen! Im Internet fand ich einen Artikel über einen gut ausgebauten Wanderweg durch ein Affenschutzgebiet, mit der Chance auf Sichtungen von Kaputzineräffchen, Brüllaffen und Faultieren. Die Straße entlang des Playa Bluff besteht irgendwann nur noch aus Löchern und Pfützen, vor allem an regnerischen Tagen. Irgendwann wird sie zur Sandpiste. Weil der Fahrer keine Lust hatte, sein Auto noch dreckiger zu machen als es eh schon war, ließ er mich am Anfang des Ortes raus und ich lief die zwei Kilometer weiter die Piste entlang.
Schon die Smoothie-Pause in einem der Restaurants hat sich wildlife-technisch gelohnt: alles schwirrte nur so vor Kolibris. Und generell verstehen sie hier was vom Smoothiemachen. Es dauert immer recht lang wenn man einen bestellt, aber dafür werden Eis und echte Früchte (manchmal frisch, manchmal portionsweise eingefroren) extralang gemixt, damit der Smoothie auch wirklich smooth ist. Frische Ananas oder Papaya oder Passionsfrucht ist ja eh ein ganz anderes Geschmackserlebnis als das Obst, was man bei uns im Supermarkt bekommt. Aber dann noch trinkbar - ich bin Fan und hab die ganze Woche kaum was anderes getrunken!
Hinter dem Ort steht quer über der Sandpiste ein Zaun, für Autos ist die Weiterfahrt verboten und man kommt nur zu Fuß oder auf zwei Rädern weiter voran. Erst hielt ich mich an dem großen Weg, starrte alle paar Meter in die Bäume - aber obwohl man unglaublich viel hörte im Dschungel, sehen konnte man nichts.
Zurück nahm ich dann den parallelen Spazierweg und gerade als ich dachte "naja, war ja auch sehr unwahrscheinlich, dass ich mal eben ein Faultier entdecke", da taucht doch tatsächlich ein Fellknäuel keine fünf Meter links von mir auf! Ich richtete mich häuslich ein, denn mein Plan war, nicht nur das Hinterteil zu sehen. Das Knistern meines Müsliriegels hat es dann tatsächlich dazu gebracht, zu mir rüberzuschauen!
Ein bisschen weiter den Weg zurück Richtung Ort: drei weitere Faultiere in den Bäumen verteilt! Ich war so glückselig, dass ich kaum schnell genug die Kamera zücken konnte, als auf dem Rückweg plötzlich auch noch zwei Aguti meinen Weg kreuzten. Mission Wildlife erfolgreich erledigt!
Und übrigens: Faultiere heißen auf Spanisch oso perezoso, wörtlich übersetzt "fauler Bär".
Bocas del Toro, wo ich diese erste Woche in Panama verbrachte, liegt auf einer Insel. Um zurück zum Festland zu kommen, muss man also mehr oder weniger Aufwand betreiben. Da der Hinweg recht entspannt war mit Flug direkt auf die Insel, war die Abreise entsprechend stressiger.
Im Hostel nahm man mir 5$ Deposit ab, sagte mir, ich müsse am Ableger nochmal 20$ zahlen und ein Boot bringe mich um 12 nach Almirante an der Festlandküste. Um 11:30 Uhr sollte ich bei "Transporte Torres" zum Check-In sein. Google Maps sagte mir, das sei fünf Minuten zu Fuß vom Hostel. Als ich dann aber um 11:20 Uhr dort war, nirgends ein Schild, nichts, was auf "Torres" hinwies. Zwei Mitarbeiter eines anderes Bootunternehmens erklärten mir dann ganz geduldig auf extra langsamem Spanisch mit Hilfe aller Hände, wo ich hin musste.
Um 11:31 Uhr kam ich schweißgebadet am richtigen Ort an. Die Dame am Check-In-Schalter hat sich bei ihrem Kollegen aufgeregt, dass mir das ganze für nur 20$ angeboten wurde, wo doch die Überfahrt eigentlich 30$ kostet. Sie wollte dann aber auch nicht mehr Geld von mir - bestimmt weil sie genau wusste, dass von meinem Buchungswisch irgendwo noch eine Kopie mit den 20$ drauf existiert.
Im Terminal herrschte rege Betriebsamkeit und ich hatte keine Ahnung, was jetzt kommen würde. Auf meine Frage, ob es eine Durchsage für mein Boot geben würde, gab es nur ein knappes "no" und unverständliches Handgefuchtel. Man sagte mir, ich müsse noch mindestens 15 bis 20 Minuten warten.
Das tat ich. Nach 10 Minuten fuhr ein Boot ab. Etwa eine Dreiviertelstunde später stellte sich heraus, das wäre meins gewesen - geplante Abfahrt um 12, tatsächliche Abfahrt um 11:40, wer kann denn mit sowas rechnen in der Karibik?
Um 12:27 Uhr saß ich immer noch, ohne dass irgendwas passiert wäre. Das nächste Boot solle ich nehmen, sagte man mir als ich dann doch endlich mal nachfragen ging, und dass man am Festland schon auf mich warten würde. Na toll.
Ins nächste Boot quetschte man mich und meinen Koffer irgendwie mit rein, ich bekam die letzte Rettungsweste, die man nicht zumachen und die ich deshalb die ganze Überfahrt lang festhalten musste.
Eine halbe Stunde dauert die Fahrt ans Festland jeweils zu viert gequetscht auf ungepolsterten Holzbänken und so holprig, dass man sich bei jeder Welle fragt, ob das Hirn accon eine Delle in den Schädel geschlagen hat. Die nette ältere Einheimische neben mir und ich fühlten uns spätestens beim Ausstieg sehr verbunden als wir uns beide streckten und "ay, me duele todo" (uff, alles tut weh) murmelten.
Kaum angelegt, kam auch schon ein aufgeregter junger Mann an die Pier gerannt, brüllte "Tanja? Tanjaaaa?", schnappte meinen Koffer und bellte "suigeme" (folge mir), rannte mit mir zum Bus, in dem sieben andere Reisende nur auf mich warteten, fragte dann ganz freundlich auf englisch, dass mir seine Hilfe doch sicher ein Trinkgeld wert wäre - gut, dass ich früh von Papa gelernt hab, im Ausland immer ein paar ein-Dollar-Scheine für ebensolche Momente im direkten Zugriff zu haben - und deponierte Koffer und mich im Kleinbus.
Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt von der Küste ins Hochland. Ähnlich wie damals in Greifswald sind es Luftlinie sicher nur zwei Stunden, aber man muss komplett um einen großen leeren grünen Fleck auf der Landkarte rumfahren und es gibt sehr viel Steigung und viele viele Kurven. Wenigstens gabs viel zu sehen auf der Strecke und ich durfte vorne beim Fahrer sitzen, wo es nicht ganz so ruckelig war.
Angekommen in Boquete: fast Temperaturschock - super angenehm, bewölkt und doll windig, welch schöne Abkühlung nach der Woche schwitzen am Meer.
Meine Gastfamilie hat fast 20 Jahre Erfahrung mit ausländischen Gästen und Mama Myriam (die praktischerweise kein Wort Englisch redet) und Tochter Astrid sprechen ganz wunderbar klares Spanisch, verbessern und wiederholen, ich hab mich gleich zu Hause gefühlt.
Zuerst war ich verwirrt war ob des doch sehr unpanamaischen Namens Astrid, aber als am Montag mein Spanischlehrer Vladimir vor mir stand, der genauso wie Astrid durch und durch Latino ist, habe ich gedacht, ob es vielleicht einfach Trend war, seinen Kindern europäische Namen zu geben - so wie es bei uns halt Justins und Jacquelines gibt.
Die Familie lebt sehr einfach, ich schätze typisch für hier, was man so schließen kann aus den erhellten Häusern, in die man abends ab und an mal reinschauen kann. Die Böden sind blanker Beton, außer im Bad, wo gefliest ist. Es gibt eine ganz abenteuerliche Duschkonstruktion, die ich noch ausprobieren muss, an die ich mich aber noch nicht getraut hab. Die Steckdosen schauen aus Löchern in der unverputzten leeren Betonwand hervor und das Dach besteht aus Wellblech.
In Boquete ist es extrem windig im Sommer (also jetzt grade) und es hört sich manchmal an, als würde gleich das ganze Haus wegfliegen.
Abhängen tu ich diese Woche wohl eher in der Sprachschule, wo man die Wahl zwischen Hängematten im Schatten und Liegestühlen in der Sonne hat, der wunderbar grün-bunte Garten lädt zum Gammeln ein und alle sind super freundlich und entspannt. Wo in Bocas hauptsächlich die Party People, Taucher und Surfer Urlaub machen, kommt nach Boquete eher, wer Land und Leute erleben will.
Unterricht habe ich mit einer Amerikanerin namens Shannon, da ihr Name aber für Vladimir unaussprechlich ist, nennen wir sie einfach Linda.
Um Boquete rum ist es zwar den Faultieren zu frisch, dafür aber auch den Moskitos. Nach zwei Wochen konnte ich Sonntag zum ersten Mal ins Bett gehen, ohne mich vorher in Kokosöl zu duschen und mit extrastarkem Tropen-Mückenspray den blöden Viechern den Kampf anzusagen - nicht, dass es viel geholfen hätte, sie fanden immer genau den einen ungeschützten Quadratzentimeter und pieksten in Ellbogen, Fingergelenk, Oberkante Ohrläppchen und Innenseite des großen Zehs.
Trotzdem gibt es richtig viel Urwald in der Region. Und der gehört sich natürlich erkundet.
Mit praktisch der gesamten Sprachschulbesetzung und zwei einheimischen Wanderguides ging es zu einem Wanderweg im Norden des Ortes. Gut, dass wir zwei Guides dabei hatten, denn der Rest der Gruppe bestand offenbar hauptsächlich aus Hardcorewanderern, denn nach 300 Metern des Weges waren nur noch Shannon und ich übrig. Wir hatten also zusagen unseren eigenen Guide, der ganz entspannt mit uns lief und uns coole Dinge entlang des Weges zeigte.
Der illustre Quetzal hat sich leider nicht gezeigt, dafür aber andere bunte Vögel und Schmetterlinge.
Wir gingen nicht Mal bis zum Ende des Wanderweges, denn nachmittags ziehen immer irgendwann die Wolken über die Bergkette und der Nebelwald macht seinem Namen spätestens ab 16 Uhr alle Ehre. Uns wurde es zu frisch und rutschig, also drehten wir um und plötzlich blieb unser Guide wie angewurzelt stehen und zeigt nach unten: eine Tarantelwespe hat mitten auf dem Weg eine Vogelspinne mit ihrem gift injiziert, die hing daraufhin nur noch schlapp in den Seilen und wurde von der Wespe vor unseren Augen abtransportiert. An einem ungestörten Ort angekommen legt die Wespe ihre Eier auf der Tarantel ab. Die merkt davon aber erstmal nichts, sondern geht nach dem Aufwachen aus der Starre ganz normal ihrem Spinnendasein nach, bis ein paar Tage später die Wespeneier schlüpfen und die Larven beginnen, die Spinne bei lebendigem Leib aufzuessen - dabei achten sie darauf, die lebenswichtigen Organe bis zum Schluss aufzuheben, damit die Spinne ihnen möglichst lange frisches Fleisch liefern kann. Sachen gibts, die will man eigentlich gar nicht so genau wissen...












































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