Ich versteh nur Spanisch

Panama City ließ ich schnell hinter mir und flog weiter Richtung Westen immer an der Karibikküste entlang, über den Panamakanal und dichten Urwald, bis sich das Gestrüpp lichtete und an seiner statt knallblaue Buchten mit Inseln drin verteilt zu erkennen waren.

Bocas del Toro (übersetzt irgendwie "Mäuler des Stiers", was eigentlich keinen Sinn ergibt) heißt die Provinz an der Karibikküste Nordpanamas. Obwohl das Flugzeug größer war, als das zwischen den ABC-Inseln, war die Landung fast aufregender. Der Landeanflug geht so knapp über den Ort, dass man irgendwie damit rechnet, gleich ein Dach mitzunehmen. Wenn das Flugzeug nicht rechtzeitig bremst, wird der Fußballplatz direkt hinterm Rollfeld platt gemacht und Zäune außenrum werden anscheinend generell überbewertet. Wo der Asphalt aufhört und das Gras außenrum anfängt, liefen während unserer Landung Leute mit ihren Einkäufen entlang und kleine Kinder spielten mit aufblasbaren Gummitieren.

 

Wir wurden direkt vor dem Eingang zum Flughafengebäude geparkt, nach 34 Schritten (wirklich, hab gezählt!) war man durch die Tür in der eisigkalt runtergekühlten Ankunftshalle...oder lieber Ankunftsraum, denn es kann wirklich nicht die Rede von einer Halle sein. Wir wurden gebeten zu warten, während ein einzelner Mann unsere Koffer einzeln aus dem Flieger holte und draußen vor die Wand rollte. Dort standen sie in Reih und Glied, um vom Drogenhund abgeschnuppert zu wurden und wurden dann einzeln nacheinander durch eine Klappe in der Wand ins Innere geschoben, auf deren anderer Seite aufgeregte Touris warteten. Spaßig.

Ich hätte fast vom Flughafen zur Sprachschule und meiner Unterkunft laufen können - aber anders als auf den ABC-Inseln ist hier alles sehr viel bezahlbarer und ein netter Taxifahrer überredete mich ohne allzu viel Aufwand, der Hitze und Anstrengung zu entgehen und für 2$ mit ihm in die Stadt zu fahren.

Es gibt auch eine eigene Währung, die heißt Balboa, aber ist eine reine Münzwährung. Scheine gibt es nur als US-Dollar und der Umrechnungskurs ist 1:1. 1 Balboa ist die größte Münze und 1 US-Dollar der kleinste Schein, also ergänzt es sich ganz gut.

 

Auch auffallend, wenn man direkt aus der halb-holländischen und doch sehr europäisch-amereikanisch angehauchten Karibik kommt, ist die Infrastruktur. Die Straßen sind plötzlich nicht mehr instandgesetzt, die Häuser der Einheimischen haben keine gepflasterten Höfe und Klimaanlagen mehr, und Müll überall. Anscheinend ist es hier in Bocas in den letzten Jahren sehr viel besser geworden, was den Müll angeht. Wenn man im Ort unterwegs ist, erkennt man, dass Touristengeld hier für Müllabfuhr zahlt. Aber sobald man in die Hinterhöfe der Häuser schaut oder in die Gärten, liegen überall Plastikflaschen, Dosen und sonstiger Unrat rum.

Wo in Curaçao und Bonaire hervorragend sauberes Wasser aus allen Wasserhähnen kommt (ähnlich wie in Deutschland sogar in den meisten Waschbecken von öffentlichen Toiletten), träumt man hier davon, Wasser aus dem Hahn zu trinken. Es ist immerhin sauber genug, um damit die Zähne oder das Geschirr zu putzen, aber schlucken sollte man keine größere Mengen davon, außer man hat es vorher abgekocht.

Der Panamakanal bzw. der Gatún-See (der den Kanal speist) versorgt etwa die Hälfte aller panamaischen Haushalte mit Wasser.

 

Im Internet hab ich gelesen, dass Panama eins der besten Sanitärsysteme in Lateinamerika hat. Die Toiletten im Hostel und in allen Restaurants, wo ich bisher war, können aber nicht mal mit Klopapier umgehen, alles was keinen natürlichen Ursprung hat, wandert in den Mülleimer. Kein Wunder, gibt es hier so viel Müll. Extreme Unterschiede sieht man wie überall zwischen den Straßen, die von Touristen frequentiert werden, und denen wo Einheimische leben.

Besonders aufgefallen ist mir das auf der Nachbarinsel der Isla Colón (wo Bocas draufliegt), der Isla Carenero. Hier gibt es am südlichen Zipfel noch einige Pensionen und Restaurants, wenn man den Weg um die Insel weiterläuft, kommt irgendwann der Yachthafen und dahinter ganz wunderbare Grundstücke direkt am Wasser mit perfekt manikürtem Rasen und hübschen Wegen, die von runtergefallenen Palmwedeln befreit wurden. Wenn man dann aber durch die Nachbarschaften kommt, wo nur Einheimische wohnen, sieht es anders aus. Viele Häuser stehen auf Stelzen, darunter sind die Hunde angekettet oder flitzen die Hühner rum, überall liegt Müll, überall wo Wasser steht, riecht es ganz fürchterlich. Wie das die nicht stören kann, ist mir ein Rätsel. Vor allem, wo so viele hier vom Tourismus, also vor allem den Strandurlaubern, Tauchern und Surfern leben, sollte ihnen doch die Sauberkeit ihrer Umwelt wichtig sein.

 

Mein Spanischlehrer Patricio war ganz begeistert, als ich ihm vom deutschen Pfandflaschensystem und der Mülltrennung erzählt habe. Hier sieht man zwar ganz vereinzelt die Versuche, sowas einzuführen, aber klappen tut es nicht - wobei es ja anscheinend schon so viel besser geworden ist die letzten Jahre.

Auf Carenero kann man trotzdem ganz schön spazieren. Wenn man einmal an den stinkenden Pfützen vorbei ist, geht der Weg komplett entlang der Küste um die ganze Insel rum. Faultiere soll es auch geben, von denen habe ich aber keine entdeckt.

Für ein bisschen Natur und Tiere bin ich mit zwei Jungs aus dem Hostel auf eine Insel weiter weg gefahren. Das funktioniert hier mit Wassertaxis, da sich die gesamte Region auf mehreren Inseln befindet. Es gibt keine Fahrpläne, man geht einfach an einen der vielen Piers und zeigt auf der großen Karte, wo man hin will. Auf Carenero gibt es eine Strandbar, wo es sich besonders leicht anlegen lässt. Wenn man dann wieder zurück nach Bocas will, sagt man einfach an der Bar Bescheid, die schreiben eine Whatsapp und zwei Minuten später flitzt auch schon eins der vielen Bötchen heran. Man zahlt den Skipper direkt, meist nur zwei Dollar.

 

Auf die weiter entfernte Insel Bastamentos muss man ganze 10 Dollar zahlen. Wir bekamen ein Angebot, für 15 Dollar pro Person hin und zurück. Dafür gab uns der Skipper seine Nummer und wir sollten ihm schreiben wenn wir bereit für die Rückfahrt sind. Das hat erstaunlicherweise richtig gut geklappt und wir konnten dazwischen eine Runde wandern gehen. Und die Fahrt war auch wirklich so lang, dass die 15 Dollar sich absolut gelohnt haben.  

 

In Bastimentos gibt es einen Strand, der nennt sich Red Frog Beach und von dort kann man auf dem Wanderweg mit Glück die namensgebenden roten Frösche finden. Ihr offizieller Name ist Erdbeerfröschchen, was ich ja ausnahmsweise einen wirklich netten Namen finde. Und gefunden haben wir sie auch. Wir hätten sie fast verpasst, denn nach einem halben Tag und einer ganzen Nacht Regen war es so matschig, dass wir schnell nur noch darauf konzentriert waren, nicht auszurutschen. Hinfallen wäre wenigstens auf weichem Untergrund gewesen - aber die Fröschchen sind höchst giftig, wir hätten also auch gut auf einen treten oder mit der Hand reinlangen können. 

Bastimentos ist eine hübsche Insel voll Natur, jedenfalls zu urteilen nach dem was wir von ihr zu Gesicht bekamen, was nur ein kleines Eckchen war. Am Ende des Wanderweges kommt man an hübschen Dörfern vorbei, in einem spielte brüllend laut Merengue-Musik - das gesamte Dorf hat einfach die gleiche Musik gehört.

Dann kommt man zurück an die Küste in den eigentlichen Ort Bastimentos oder Old Bank, wo alles sehr bunt ist und wo heute vor allem Menschen leben, die von den Ureinwohnern der Antillen abstammen, die hier vor über 100 Jahren als billige Arbeiter auf den Bananenplantagen hergebracht wurden. Sie sprechen ihre eigene Sprache, die irgendein Mix aus Englisch und Spanisch ist, die aber wohl kaum ein Englisch oder Spanisch sprechender Mensch verstehen kann.

 

Auch auffällig auf den Inseln: an fast jedem Strand stehen schwer bewaffnete Vertreter des panamaischen Militärs. In Carenero habe ich einen von ihnen gefragt, warum sie da sind. Scheinbar ist die Region extrem wichtiger Umschlagplatz für Drogen auf dem Weg aus Kolumbien in die westliche Welt und Asien. Ein Drittel allen Kokains, das in Panama aus dem Verkehr gezogen wird, wurde in den letzten Jahren in Bocas gefunden. Das erklärt auch das sehr intensive Schnuppern der Drogenhunde am Flughafen. Bocas ist einfach gut mit dem Boot erreichbar, die Mangrovenwäldern direkt vor der Küste machen es sicher leicht, nachts schnell von der Bildfläche zu verschwinden.

 

Auch hier wird es laut Patricio aber besser, da Panama inzwischen sein Korrpuptionsproblem weitestgehend im Griff hat (aber ich gehe schwer davon aus, dass das nicht so ganz der Realität entspricht).

Sicher fühle ich mich hier trotzdem, es ist ziemlich touristisch und alle freuen sich sehr, wenn man ein bisschen Spanisch spricht (oder es versucht). Hilfsbereit sind sie alle und erstaunlicherweise fühlt es sich bisher gar nicht so nach der üblichen Touri-Abzocke an. Man weiß einfach, dass eine Wassertaxifahrt nicht mehr als zwei Dollar kosten darf, wenn man weniger als fünf Minuten unterwegs ist. Selbst Ausflüge scheinen überall gleich viel zu kosten.

An der Ausflugs-Front tat sich aber bis zum Wochenende nicht viel, denn der Hauptgrund für meinen Aufenthalt war ja mein Spanischkurs. Eigentlich waren sechs Stunden pro Tag in einer Kleingruppe geplant, aber da mehr als die Hälfte der geplanten Schüler wegen gestrichener Flüge nicht anreisten, waren wir am Ende nur zu zweit, aber mit unterschiedlichem Sprachniveau. Also hatte ich statt Gruppen- eben Einzelunterricht mit Patricio und dann zählen die Stunden doppelt. Also war ich jeden Tag von 8 bis 12 mit ihm beschäftigt im kleinen Klassenzimmer ohne Wände im schattigen Innenhof des Hostels.

 

Auch wenn vier Stunden (inklusive Pancake-Pause) eigentlich gar nicht nach so viel klingt, ist Sprachelernen bei diesem Klima gar nicht so einfach. Spätestens um 10 war es immer so drückend, dass das Nachmittags-Konzentrationsloch einfach immer schon vier Stunden zu früh auftauchte. 

Witzigerweise ist hier grade Trockenzeit und es hat an zwei Tagen richtig viel geregnet (war dadurch aber angenehmer und aushaltbarer draußen), während ja auf Curaçao Regenzeit und aber staubtrocken war. Seltsam.

 

Das konnten wir aber schön in unseren Unterricht einbauen: ich lernte, das spanische "está lloviznando" heißt "es nieselt" auf Deutsch, und Patricio lernte, dass er egal wie er es anstellte "es nieselt" auf Deutsch partout nicht aussprechen konnte.

Meine Nachmittage nach dem Spanischlernen verliefen die ganze Woche recht entspannt. Es muss halt auch mal ein bisschen Siesta sein, wenn man auf Reisen ist. Es gibt richtig viele Restaurants und Bistros, wo man für wenig Geld richtig lecker essen und richtig schön sitzen kann, denn viele sind über das Wasser auf Stelzen gebaut, sodass man den Fischen unter sich und den Wassertaxis draußen auf dem Wasser zugucken kann. 

Einen Abend wollte ich es machen wie die Einheimischen, ging in ein winziges Häuschen am Straßenrand, wo es Empanadas geben sollte. Ich fragte, welche Füllungen er hat. Antwort: Fleisch. Oder Hühnchen. Hmpf. Weil er nicht mal irgendwas an Salat oder Käse da hatte, war es mir dann aber doch zu fleischig und ich musste dankend ablehnen. Er bat mir aber direkt an, wenn ich sicher morgen wieder käme, würde er einkaufen, dass er mir eine vegetarische machen könnte.

 

Einen Fun Fact über Panama habe ich noch zu teilen: außer in den Nachbarschaften, die auf ehemals US-amerikanischem Militärgebiet entstanden sind, gibt es in Panama keine Hausnummern. In Bocas zum Beispiel gibt es nummerierte Avenidas und Calles. Von Süd nach Nord heißen die Avenidas A bis G, von Ost nach West sind die Calles mit Nummern beziffert. Mein Hostel ist an der Ecke von Avenida A und Calle 4ta (4. Straße) und die Adresse lautet "4. Straße, direkt hinter dem Grand Hotel", in Panama-City wohnte ich "am östlichen Ende der Straße..." und bei meiner Gastfamilie nächste Woche "180m linkerhand hinter dem Ortsschild". Scheinbar funktioniert es, wie aber Post hier ankommt, frage ich mich schon.

 

Patricio habe ich das deutsche System erklärt, er fand das total kompliziert. Naja...jeder wie ers kennt.

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