Die Osa-Halbinsel mit dem Corcovado-Nationalpark gilt als artenreichste Ecke Costa Ricas. Auf ihre endemischen Pflanzen- und Tierarten sind sie hier besonders stolz und Umweltschutz wird groß geschrieben. Oder wenigstens sehr viel größer als in Panama, hab ich das Gefühl.

Am einen etwas nieseligen Tag saß ich in Agujitas mit meinem Buch am Strand, da kam der kleine Chihuahua vom Fastfood-Truck kläffend an den Strand geflitzt und versuchte, sich mit dem Leguan anzulegen, der da grade am Wasser spazieren ging. Er ließ sich nicht beeindrucken, so ein kleiner Kläffer kann ihm kaum was anhaben.
Aber durch den Aufruhr wurden vier andere Hunde auf den Leguan aufmerksam, kamen angerast und griffen gemeinsam den Leguan an. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie zwei Männer angerannt kamen, brüllend, kickend und mit den Armen wedelnd, und die Hunde vom Leguan wegscheuchten.
Dann stellten sie sicher, dass er nicht verletzt war und einer der Männer schnappte den Leguan am Schwanz (nicht ganz ungefährlich) und zog ihn über den Strand zurück zu den Bäumen, wo er sich schneller vor Hunden in Sicherheit bringen kann.
Gelebter Wildtierschutz par excellence und wirklich cool zu sehen, wie die sich so mutig vor ihre angriffslustigen und zähnefletschenden Hunde geworfen haben.

Wildnis geht hier nahtlos in bewohntes Gebiet über und es scheint, als haben sie in der Bahía Drake (Drake-Bucht, benannt nach dem Entdecker Francis Drake) das Konzept von naturnahem Tourismus einigermaßen verstanden. Mit einem Boot fuhr ich am ersten Tag raus zur Isla Caño, die unter Schutz steht und wo man sich vor dem Schnorcheln beim Ranger anmelden muss. Hier werden sogar die Passdaten vorher abgefragt, wer erwischt wird wie er Korallen oder Tiere anfasst, wird des Wassers verwiesen und direkt an Land zurück gebracht.
Schade, dass sie das nicht schon immer so machen, sonst wäre das Riff hier sicher noch intakter. Die Sicht war eher mäßig und verglichen mit Bonaire geradezu lächerlich schlecht. Aber bei genauem Hinschauen haben wir immerhin zwei kleine Riffhaie gesehen und Highlight war eine gigantische schwarze Meeresschildkröte, die nur ein paar Meter vor uns zum Atmen an die Oberfläche kam.
Die Küste hier ist schlecht erschlossen und es gibt einige Strände, die man nur übers Wasser oder zu Fuß erreicht.
Die Mitarbeiter meines kleinen Hotels hatten mir einen Wanderweg empfohlen, den ich natürlich direkt ausprobierte. Die Hitze ist unglaublich, eigentlich fühlte ich mich immer nach zwei Minuten draußen wie in Deutschland nach zehn Minuten in der Sauna.
Umso glücklicher war ich, als ich für die Schwitzerei belohnt wurde mit einer ganzen Horde Kaputzineräffchen, die direkt am Strand durch die Bäume turnten, und noch ein bisschen weiter sogar eine
Familie Klammeraffen über mir ihre Siesta machte, während die Jugendlichen ganz aufgedreht alles erkundeten.
Und es tut mir ja Leid, aber die sind einfach so unglaublich fotogen, da konnte ich die Fotoauswahl nicht so sehr einschränken und ihr müsst euch eben durch ganz viele putzige Affengesichter
klicken.

Zurück im Ort ist dafür alles voll mit Eidechsen und sehr bunten und lauten Vögeln. Mit etwas Glück gibt es mal einen Tukan (mit unglaublich melodischem Gesang) oder sogar einen roten Ara (mit gephotoshopt-aussehendem buntem Gefieder) zu sehen.
Wo Vögel und Echsen sich den Lebensraum teilen, gibt es auch öfters mal ein bissl Straßenkämpfe zu sehen, bzw. Baumkämpfe, wenn ein Leguan auf dem Weg zu einem Nest von dessen Inhaber erwischt und in die Flucht geschlagen wird. Dann wackelts in der Baumkrone, es kreischt und ganz viele Blätter fallen runter und meist zieht sich der Leguan dann irgendwann geschlagen zurück und versucht es später woanders wieder.

Mein Hotel organisierte mir einen Ausflug mit einem kleinen lokalen Anbieter. Wer in Costa Rica ein Stück Land besitzt und das in seiner Ursprünglichkeit erhält oder renaturiert, bekommt erhebliche finanzielle Unterstützung durch die Regierung. So wird sichergestellt, dass sogenannte biologische Korridore zwischen den Schutzgebieten stehen bleiben, wodurch sich Wildtiere weiter bewegen können und so die genetische Vielfalt besser erhalten bleibt, als wenn sie sich nur innerhalb ihrer Nationalparks und Reservate fortpflanzen.
Etwa eine halbe Stunde Fahrt über Schotterpisten von Agujitas entfernt gibt es so ein privates Anwesen, das zu großen Teilen aus Primärwald besteht, also absolut naturbelassen ist und nie vom Menschen verändert wurde. Heute gibt es morgens und nachmittags je eine Tour mit maximal sechs Teilnehmern, die mit einem Guide das Gelände erkunden. Nichtmal Wege wurden angelegt, stattdessen hält man nur die Pfade frei, die die Tapire sich durch den Urwald gesucht haben.

Auf diesem Tapir Trail waren wir unterwegs, mit gespitzten Ohren und gezückten Kameras und lauschten auf die kleinsten Anzeichen, dass noch etwas anderes außer uns anwesend war.
Wo Blätter fallen, lohnt sich ein Blick nach oben, denn oft sind das die Abfälle der Affen, die im Baum nach Insekten oder Früchten suchen. Weiter oben in den Baumkronen und dort, wo es besonders laut zu krähen, piepen oder singen scheint, sind es eher die bunten Vögel oder Papageien, die man findet. Wenn es am Boden raschelt, bleiben alle ganz still stehen und hoffen, dass ein Aguti vorbeikommt, ein Nager etwa drei mal so groß wie ein fettes Meerschweinchen, der ähnlich wie ein Eichhörnchen arbeitet, Samen sammelt und vergräbt, die dann später vergisst - deshalb ist es auch als Urwald-Gärtner bekannt.

Der Tapir macht es ähnlich und sucht dort, wo die Affen und Vögel etwas fallen gelassen haben könnten. Ihn suchten wir, aber wie immer war ich mir relativ sicher, dass das doch eigentlich kaum möglich ist, in einem Dschungel einem scheuen Wildtier über den Weg zu laufen.
Wir hatten aber einen tollen Guide, der genau wusste, wo einer der männlichen Tapire gerne seine Nickerchen hält, bevor er abends aktiv wird und auf Wanderschaft geht. Ganz langsam und leise machten wir uns auf den Weg dorthin, aber es war keiner anzutreffen. Dann nickte der Guide auf eine Lichtung und tatsächlich: ein ausgewachsener Tapir naschte sich durchs Gebüsch und nahm kaum Notiz von uns.

Aggressiv sind Tapire nicht, im Normalfall sind sie sehr scheu und rennen wie von der Tarantel gestochen los wenn sie sich bedroht oder beobachtet fühlen. Aber es gibt auch eine Tapirdame, die auf dem Gelände aufgewachsen ist und somit weiß, dass ihr niemand etwas tut. Sie ließ aber noch auf sich warten, bis es dunkel war, dann kam sie mit ihrem jugendlichen Kind ganz nah und hörbar schmatzend durch unseren Taschenlampenschein geschlappt.
Tapire sind am nächsten mit Pferden und Nashörnern verwandt (auch wenn man ihnen die Verwandtschaft nicht wirklich ansieht), sie sind auch Unpaarhufer und sie haben einen sehr auffälligen Fußabdruck mit drei Zehen. Ein bisschen erkennt man das Pferd in ihnen nur, wenn man sich die sehr flexible Oberlippe anschaut, die bei Tapiren mit der Schnauze verwachsen ist und dadurch einen kurzen Rüssel bildet, mit dem sie über den Waldboden schnüffeln.

Wenn es im Urwald dunkel wird, ist das eine ganz besondere Zeit. Draußen hat man vielleicht sogar noch ein bisschen Abendrot am Himmel, aber im dichten Primärwald, wo alles durcheinander wächst, wird sofort alles Licht verschluckt.
Zu Beginn unserer Tour am frühen Nachmittag machten die Zikaden noch einen Lärm, dass man sich fast die Ohren zuhalten wollte. Kaum ist das große Licht ausgeschaltet, verändern sich die Geräusche. Dann sind es plötzlich Frösche und Kröten, die den Ton angeben, es raschelt anders im Unterholz, weil die Affen und Vögel sich zurückziehen und Schaben und Schlangen aktiv werden.
Wenn man mit seiner Taschenlampe ein Blatt oder Baumstamm anstrahlt, findet man da plötzlich sofort was, was da im Hellen noch nicht saß. Eine riesige Skorpionsspinne hockte in ihrem hohlen Baum und beobachtete uns, eine kleine Schlange war auf dem Weg Eier klauen und ein knallgrüner Frosch mit roten Augen klebte an der Unterseite eines Blattes. Wir fanden eine Mantis-Heuschrecke, einen fetten Käfer, mehrere Spinnen und Schabentiere, und plötzlich kribbelte es mich auch überall.

Gut, dass man im Dunkeln gefühlt schneller unterwegs ist, weil es nicht so viel zu sehen gibt, außer das, was direkt vor der Taschenlampe erscheint. Ich entschied mich auch ganz schnell gegen eine zweite Tour, die komplett im Dunkeln stattgefunden hätte. Dafür bin ich eben doch zu wenig Fan von Krabbeltieren und mag zu sehr die flauschigen mit großen Augen, die man tagsüber zu sehen bekommt.
Gleich drei Tapire gesehen zu haben, war aber schon was sehr besonderes und im Hotel kam die gesamte Belegschaft angerannt, um das Beweisfoto zu sehen, als ich davon erzählte.
Die meisten Gäste bleiben normalerweise maximal zwei oder drei Nächte in Agujitas. Es gibt einige Angebote, bei denen man einen Ausflug in den Nationalpark macht und ein oder zwei Übernachtungen dabei hat, sodass viele einfach keinen Bedarf an einem längeren Aufenthalt in Hotel oder Pension haben. Ich hatte ursprünglich auch vor, noch einen weiteren Ort in Costa Rica zu besuchen, aber irgendwie war mir dann so gar nicht nach mehr Kofferpacken und Busfahren, sodass ich stattdessen einfach den Rest meiner Zeit in der Bahía Drake blieb.

Ein Ausflug in den Corcovado-Nationalpark musste natürlich auch noch sein und hier war es dann auch gleich viel voller als auf dem Privatgelände vom Vortag. Besucherzahlen sind begrenzt und wenn man privat mit dem Auto durchs Landesinnere an die Parkgrenze kommt, kann es sein, dass einem der Eintritt verweigert wird, wenn die maximale Besucherzahl schon erreicht ist. Wo mehrere Gruppen gleichzeitig sind, ist zwar mehr los im Wald, dafür weiß der Guide aber direkt, wo es was zu sehen gibt, weil sich alle mit Funkgeräten über Wildlife austauschen, das unterwegs ist.
Faultiere gab es leider nur so hoch im Baum, dass sie mit dem bloßen Auge praktisch nicht erkennbar waren. Stattdessen kreuzte aber gleich zu Beginn unserer Tour an der San-Pedrillo-Rangerstation ein kleiner Weißrüssel-Nasenbär, der ganz aufgeregt den Waldboden durchwühlte, unseren Weg. Ein paar Agutis huschten durchs Unterholz, zwei Tukane unterhielten sich sehr melodisch über drei Palmen hinweg, und eine riesige Spinne häutete sich vor unseren Augen in einem gigantischen Netz, in das man wirklich nicht ausversehen hätte reinlaufen wollen.

Das Highlight des Corcovado-Nationalparks war ein Nördlicher Tamandua, ein beige-schwarzer Ameisenbär mit großen Knopfaugen, der sich ganz unbehelligt von der Aufmerksamkeit direkt vor uns sein Mittagessen zusammenschnüffelte. Wir haben ihn nur auf dem Boden gesehen, aber Tamanduas sind wohl auch sehr gute Kletterer und gehören zu den wenigen Säugetieren, die auch kopfüber einen Baumstamm runterkraxeln können.
Faultiere machen das auch, aber die sah ich erst wieder zum Ende meiner Reise, als es hieß Abschied nehmen von der Pazifikküste und von der tropischen Hitze. Ein Fahrer holte mich um 11 Uhr ab, damit ich auch ja pünktlich um halb zwei am lokalen Mini-Flughafen sein würde. Es hieß, dass eine Brücke kaputt ist und er deswegen den langen Weg fahren müsste, also wollten wir auf der sicheren Seite sein. Wir sammelten noch andere im Ort ein und als wir dann wieder an meinem kleinen Hotel vorbei kamen, stand die Hotelchefin mit ihren Kindern (die das Restaurant betreiben) und dem Labrador an der Straße und winkten. Ich stieg nochmal aus, wurde ein letztes Mal vom Hund angestupst, von der Chefin gedrückt und wortreich verabschiedet. Sogar einen Apfel drückte sie mir in die Hand, "damit du nicht verhungerst, weil du doch noch gar nichts zu Mittag hattest. Pura Vidaaaa!"

Ob die Brücke über den Fluss nun kaputt war oder nicht - unseren Fahrer störte das nicht. Er bog in einem winzigen Örtchen von der Schotterpiste ab, fuhr direkt aufs Flussufer zu und dann einfach mitten durch - unser Auto war ein Minibus, also bei weitem kein Fahrzeug, mit dem ich einfach so durch einen halben Meter Flussströmung gefahren wäre. So sparten wir aber eine Dreiviertelstunde Fahrt und ich war super früh am Drake Bay Airport. Den Namen Airport verdient er eigentlich gar nicht, es ist eher ein Airstrip und verpasst mit seinen 770 Metern Landebahn nur knapp die Top 10 der kleinsten Flughäfen der Welt. Ein einziger Schalter kümmert sich um die Gepäckabfertigung. Dabei wird nicht nur der Koffer gewogen, sondern auch das Handgepäck und dann muss jeder Passagier nochmal selbst auf die Waage steigen. Was passiert, wenn man zu schwer ist, weiß ich nicht. Ich wurde auf jeden Fall durchgewunken und bekam zum ersten Mal in meinem Leben eine wiederverwendbare Bordkarte. Sie war laminiert, hatte nur "SJO" (für San José") drauf gedruckt und "Group 2".

Die Gruppeneinteilung hatte nicht etwa mit der Reihenfolge beim Boarding zu tun - die braucht man bei einem Flugzeug mit 12 Sitzen nun beim besten Willen nicht. Nein, "Group 2" bezog sich
auf den zweiten Flug. Es gab einen um eins und einen um halb zwei, und als der erste weg war, saßen wir noch zu siebt in der Flughafenhalle.
Beim Boarding gaben wir unsere Bordkarte dem Piloten in die Hand, suchten uns dann den Platz, den wir am liebsten mochten und packten unser Handgepäck in einen abgetrennten Bereich ganz hinten -
denn es gab weder Gepäckfächer über den Sitzen noch genug Platz unter dem Vordersitz, um irgendwelches Gepäck irgendwo zu verstauen. Nicht mal eine Tür zum Cockpit gab es, also konnten wir den
ganzen Flug über dem Piloten und Co-Piloten zuschauen, was sie da so trieben mit unserem Mini-Flieger, der noch kleiner als die übliche Propellermaschine war - mit nur einem Rotor vorne an der
Schnauze und einer so geringen Flughöhe, dass es sich eher wie ein Panoramarundflug anfühlte.




























































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Bettina (Sonntag, 08 Februar 2026 19:46)
Bilder mit einem echten Wow-Effekt am laufenden Band. Ich weiß, die Stechviecher haben dich gefordert, aber irgendwie wurde es dann nochmal richtig gut, oder?
Beeindruckende Reise.
Rita aus Fulda (Dienstag, 10 Februar 2026 16:10)
Hallo Tanja,
da hat Dich mal wieder die Abenteuerlust gepackt, eine total interessante Reise mit Lernerfolgen, das nenn ich mal gelungen.
Ich möchte mich auf diesem Wege bedanken, dass Du mich/uns an Deiner erlebnisreichen Karibik-Reise teilhaben lässt.
DANKE und liebe Grüße aus Fulda
Michael und Rita