Bonaire klingt wie "buen aire", das heißt auf Spanisch "gute Luft". Man geht aber eher davon aus, dass sich der Name der kleinsten der niederländischen Antillen von einem amero-indianischen Wort für "flaches Land" abgeleitet hat.

Schade, denn es würde doch so gut passen zu Curaçao, was sich doch liest wie portugiesisch coração, was "Herz" bedeutet. Die Portugiesen waren zwar auch irgendwann mal Besatzer der Insel (so wie irgendwie jede andere Seefahrernation zu irgendeiner Zeit), aber der Name könnte genauso gut von den Spaniern stammen als Ableitung von "curar", also "heilen", weil die gute Meerluft so gesund wirkte.
Man weiß es nicht, aber Hauptsache ist ja auch, dass es schöne Inseln sind, egal welche Namen sie tragen.
Curaçao war ja schon die Reise wert, jetzt war noch Bonaire dran. Allein die Reise war aufregend, denn eine Boots- oder Fährverbindung scheint es nicht zu geben, also muss man fliegen. Die lokale Airline heißt Divi Divi, wie der einheimische Baum, der immer in Richtung des Windes wächst und so nur auf einer Seite sein Laub trägt.
Ich glaube, ich bin noch nie in so einem kleinen Flugzeug gesessen. 16 Sitzplätze, davon 14 belegt und offenbar wurde so sehr am Gewicht gespart, dass es nicht mal eine Tür zum Cockpit gibt. Vom Gas geben, übers Joystick-Befummeln bis zur ziemlich heftigen Bremsung konnten wir dem Piloten und seiner Copilotin zuschauen, wie aufregend!

Weil so eine kleine Propellermaschine ja nicht die Höhen erreicht wie die großen, und außerdem der Flug sowieso nur 25 Minuten dauert, fühlt es sich eher an wie ein Panorama-Rundflug mit ganz hervorragenden Blicken über die Karibik. Nur das Gepäck hat nicht so ganz ins Bild gepasst - das wurde in zwei Klappen unter dem Cockpit und hinter der Passagierkabine verstaut, Mini-Trolleys mussten abgegeben werden weil es keine Overhead-Compartments gibt und daher alles unter den Vordersitz gestopft werden muss. Mit meinem Rucksack war das schon eine kleine Herausforderung, da die Sitze so eng beieinander standen und sogar ich mich bücken musste um zu meinem Platz zu kommen. Das Flugzeug was so klein, dass die Sicherheitskarte auf A5 gepasst hat.
Der Flughafen von Bonaire heißt Flamingo International und natürlich ist auf gefühlt jedem Schild ein Flamingo drauf. Es ist der Nationalvogel und man ist sehr stolz auf die heimische Flamingo-Population, die zwischen Curaçao uns Bonaire pendelt. Wenn man Abstand hält, haben Flamingos kein Problem mit Menschen. Aber sie sind nachtragend: an einem der Salzseen hatten sie letztes Jahr eine große Gruppe Flamingos, aber seit ein Betrunkener nachts in den See gerannt ist, sind sie nicht mehr zurückgekommen.
Wilde Flamingos zu sehen ist sehr faszinierend irgendwie. Vor allem wenn sie fliegen sehen sie irgendwie aus, als hätte die Natur Mist gebaut. Einfach ein langes dünnes Etwas, das da rumschwebt, aber sehr aufregend wenn man sie mal sieht.

Bonaire wirkt direkt gemütlicher als Curaçao. 2010 hat man sich entschieden, dass öffentliche Busse eine gute Idee wären, also hat man an strategischen Punkten der Insel Haltestellen gebaut. Woran es dann letztendlich scheiterte, weiß heute schon keiner mehr - jedenfalls hat nie ein Bus an den Haltestellen gehalten. Schade, man könnte wirklich gut erkunden gehen, denn so groß ist Bonaire ja auch gar nicht.
Ich war am Silvestertag also erstmal zu Fuß unterwegs. Die Hauptstadt heißt Kralendijk, hergeleitet vom holländischen "Korallen-Deich", denn nach heftigerem Wind finden sich immer abgestorbene Korallen, die aus dem Meer an Land geweht werden und die dann aussehen wie ein kleiner Deich entlang der Küste.
Es gibt neben Kralendijk nur einen weiteren nennenswerten Ort, der heißt Rincón und befindet sich an einem der niedrigsten Punkte im Inland der Insel. Als die Spanier kamen, haben sie beschlossen, nur zu bleiben, wenn sie einen Ort finden, der vom Wasser (also von Piraten) aus nicht zu sehen war. Rincón ist umgeben von Hügeln und so perfekt geschützt.
Die Holländer hingegen wollten direkt an der Küste bleiben, denen war der Handel wichtiger als die Angst vor Piraten.

Kralendijk hat auch Streetart, aber nicht ganz so tolle wie Willemstad. Aber bunt sind die Häuser hier auch und man kann ganz wunderbar an der Hafenpromenade entlang spazieren. Auf der Straße nebenan fahren nur die Touristen oder die Angeber mit ihren dicken Karren, also ist jeder Verkehr recht langsam und nervt nicht.
Direkt dort von der Promenade kann man ins Wasser hüpfen zum Schwimmen oder Schnorcheln - mir persönlich schwamm aber zu viel Abfall der Fischer rum. Ich schaute lieber von oben, denn das Wasser ist so klar, dass man die Fische auch einfach von oben begucken kann.

Silvester auf Bonaire schien auch weniger verrückt zu sein als auf Curaçao. Tagsüber wurde auch schon etwas geböllert, aber der Großteil der Raketen und Knallerei ging gegen 19 Uhr hoch. Ob es einfach damit zusammen hing, dass es dann schon schön dunkel war oder doch, weil so viele Holländer europäisches Silvester (mit 5 Stunden Zeitverschiebung) feiern wollten, weiß ich nicht.
Ich wollte ganz entspannt ins neue Jahr starten, also setzte ich mich mit meinem Cocktail aus der Flasche abends an die Hafenkante und guckte erst Sonnenuntergang und später Feuerwerk von der gleichen Stelle. Ein paar Touristen schossen ein, zwei Raketen dort am Wasser ab, aber das meiste Geknalle kam aus den Straßen hinter mir, schön weit weg also.
Wer hätte das gedacht: Mitternacht hab ich tatsächlich einfach verschlafen und habe dann nur nochmal um halb 1 kurz im Schlafanzug von der Dachterrasse geschaut, was draußen so abging.
Wenn das Jahr schon so gemütlich los geht, kann es ja nur entspannt weitergehen.
Am Neujahrsnachmittag war ich als einzige gebucht auf einen geführten Stadtspatziergang durch Kralendijk und lernte von Jason alles wichtige zum Einstieg in ein paar Tage auf Bonaire.

Weil das Wetter so grandios heiß und sonnig war, nahm ich mir ein Wassertaxi zur unbewohnten Nachbarinsel Klein Bonaire. Cooles Konzept irgendwie: man steigt in Krakendijk aufs Boot, wird auf der Insel am Strand abgesetzt, wirft sein Kladderatsch ab und hüpft nur mit Bade- und Schnorchelsachen zurück aufs Boot. Dann bringt der Skipper einen ein Stück zurück, lässt seine Rampe runter und alle springen ins Wasser, um sich per "Drift Snorkel" zurück zum Strand treiben zu lassen. Wie entspannt ist das denn bitte? Ich bin mit der Strömung mitgeschwommen und habe eine gute Dreiviertelstunde gebraucht. Wenn man gar nichts tut und sich treiben lässt, dauert es über eine Stunde, wo man einfach kopfüber im Wasser hängt und den Korallen und Fischen beim Vorbeitreiben zuschaut.
Dass man seine Sachen einfach unbewacht am Strand liegen lässt, war zuerst befremdlich, aber es sind so viele Leute dort, dass es wahrscheinlich einfach zu auffällig wäre, was zu klauen. Vor allem wenn ein Kreuzfahrtschiff im Hafen liegt (also so gut wie jeden Tag im europäischen Winter), dann kommen dessen Ausflüge noch dazu zu den lokalen Touren und Wassertaxis.
Zwei Stunden später ging es zurück nach Krakendijk - wie sich herausstellte trotz frischer Sonnencreme alle 20 Minuten und langärmlig beim Schnorcheln mit einem spektakulären Sonnenbrand auf den Schultern und Oberschenkeln.

Auf selbst fahren hab ich nicht so Lust wenn ich alleine unterwegs bin, da habe ich im Ausland schon gern einen Beifahrer dabei. Also gabs den großen Ausflug über die Insel im sehr ruckeligen Jeep. Weil Fahrer Eddy nur Zweierbänke hat, musste ich nach vorne, damit er keine Zweiergruppen trennen muss. Und was war das für ein Glück, denn neben mich setzte er die gefühlt einzig andere Alleinreisende auf den ABCs, Marika aus Schweden. Gemeinsam machen solche Touren ja doch viel mehr Spaß, wenn man sich gegenseitig Dinge am Wegesrand zeigen kann. Marika war schon mal auf Bonaire gewesen und hatte super viel zu erzählen, wenn Eddy grade nicht quatschte.
Mit dem Jeep ging es in den Nordwesten der Insel, der komplett unter Schutz steht und heute Nationalpark ist. Zusätzlich zu den Kosten für den eigentlichen Ausflug und der Tourismusabgabe, die man bei Einreise zahlen muss, gibt es noch eine zusätzliche Gebühr, die anfällt, wenn man den Nationalpark oder den Marine Park (das Meeresschutzgebiet) besuchen will. Das Geld, was Bonaire dadurch einnimmt, fließt zu 100 Prozent in die Erhaltung, Wiederaufforstung und Projekte wie die Betreuung der Schildkrötengeburten an den Stränden.
Bonaire ist ja anders als Curaçao eine "special municipality" der Niederlande und da denen Naturschutz am Herzen liegt, bekommt Bonaire viel Unterstützung in der Hinsicht. Das merkt man, es liegt sehr wenig Müll überall und vor allem am Wasser entlang gibt es alle paar Meter Mülleimer.
Der Washington Slagbaai Nationalpark ist riesig und ein Gebiet der Insel, wo außer der Ranger-Gebäude nichts gebaut ist. Ohne allradangetriebenes geländegängiges Fahrzeug braucht man gar nicht erst versuchen, hier unterwegs zu sein. Wir holperten erst an die Küste zum Blowhole. Hellblaue Buchten und Sandstrände findet man an diesem Ende der Insel nicht, stattdessen richtig raue Felsklippen und eine böse Strömung. Am Eingang zum Park wird man informiert, dass niemand dich retten kommen wird, wenn du ins Wasser fällst. Also bleibt man besser schön weit weg von der Kante. Aber auch von dort lässt sich das Schauspiel des Blowholes hervorragend beobachten. Wenn die Wellen mit einer gewissen Stärke an die Klippen donnern, füllt sich ein Hohlraum und oben pustet die Gischt mit einem Höllenlärm raus.

Ein bisschen weiter dann ein kleiner feinsandiger Strand - wie der nicht weggespült wird bei dem heftigen Wellengang...? Aus irgendeinem Grund finden grüne Meeresschildkröten es hier ganz toll und kommen jeden Saison wieder zum Eierlegen. Die Ranger und viele viele Freiwillige sitzen dann auf Wachposten, markieren die Gelege und beobachten.
Die Sanddünen sind super steil und die Mamas buddeln sich Nester ganz weit oben, um ihre hunderte Eier reinzulegen, ein ziemlicher Aufwand. Aber man hat festgestellt, dass viele der Babys in die falsche Richtung laufen wenn sie schlüpfen. Daher werden jetzt wenn die ersten Eier schlüpfen alle frischen Schildkrötbabys eingesammelt und mit Eimern näher ans Wasser gebracht. So wird zwar in die Natur eingegriffen, aber die Überlebenschance erhöht, denn generell geht man davon aus, dass sowieso nur etwa eine in eintausend Schildkröten fünf Jahre überlebt.
Unter anderem durch "Eingriffe" wie diese wurde die grüne Meeresschildkröte vor dem Aussterben bewahrt und die Tanja sehr durch einige Sichtungen beim Schnorcheln beglückt.
In der Slagbaai (Schlachters-Bucht) ums Kap rum sind dann plötzlich wieder weißer Sand und blauen Wasser soweit das Auge reicht, keine bösen Strömungen mehr und daher: auf ins Wasser! Wobei man bei unserem Lunch-Spot gar nicht schnorcheln musste, denn die Papageifische knabberten an den Korallen im so flachen Wasser, dass ihre knallbunten Rückenflossen dauernd aus dem Wasser rausguckten.
Nebenbei sitzen auf allen aufgewärmten Felsen die Echsen und Leguane und lassen sich die Sonne auf die Schuppen scheinen.
Auf dem Weg zurück in die Zivilisation konnten wir die Fun Facts bestätigen, die Eddy uns erzählt hatte: man darf auf Bonaire maximal dreistöckig bauen und es gibt keine einzige Ampel! Dafür aber viele Kreisverkehre und acht Stoppschilder. Immerhin.
Mit Marika hab ich mich so gut verstanden, dass sie mich einlud, am nächsten Morgen mit ihr schnorcheln zu kommen. Sie organisierte uns ein Taxi, das brachte uns zum Salt Pier, wo mehrere riesige Salzseen mit pinken Wasser liegen (leider kommt das auf den Fotos gar nicht so raus) und eine Firma mit nur 40 Angestellten Meersalz herstellt, das zu den besten der Welt gehört. Neben den Seen liegt bergeweise Salz, das wird dann über ein metallenes Gerüst zum Wasser transportiert, dort über die Pier, wo es direkt auf Schiffe gepackt und verschifft wird.

Als wir kamen, lag kein Schiff da und so konnten wir ohne Probleme schnorcheln gehen. Wie überall auf der Insel lässt man seine Sachen einfach irgendwo liegen, kommt schon nix weg, zieht sich um und hüpft einfach ins Wasser. Marika hatte gesagt, dass Schildkröten da ab und an gesichtet werden, allzu große Hoffnungen wollte ich mir also nicht machen. Aber kaum war der Kopf unter Wasser, waren direkt mehrere unter uns, die mit ihren Vorderflossen ordentlich Wind machten, damit der Boden aufgelockert wird und sie was zu fressen finden konnten. Das war was sehr besonderes und ein gebührender Abschluss meiner Zeit auf den niederländischen Antillen - denn ein paar Stunden später hieß es Abmarsch Richtung Festland.













































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