Urlaubsfaulheit

In San José gab es nichts, was mich wirklich reizte, ich war wirklich nur dort als Puffer vor meinem Rückflug nach Europa. Schon die Fahrt vom Domestic Terminal des Flughafens in die Innenstadt sah nach wenig Aufregung aus.

Parque Central de San José
Parque Central de San José

Ein Spaziergang im recht überschaubaren Stadtzentrum zeigte mir ganz eindeutig, dass ich nichts verpassen würde, ich brach meinen selbst-geführten Stadtrundgang, den ich mir in Internet runtergeladen hatte, sogar nach einem Drittel ab, weil das alles so arg unspektakulär war. So buchte ich mir spontan für den nächsten Morgen noch einen kleinen Ausflug, vor allem weil sich die Beschreibung so ulkig las. Da hieß es, dass mitten in San José auf dem geschäftigen Campus der Uni wilde Faultiere leben würden! 
Die anderen gebuchten Touristen tauchten nicht auf, also hatte ich einen Privatrundgang mit einer Biologie-Studentin, die mich am Campus-Tor begrüßte und dann durch den sehr grünen und hübschen Garten der Uni führte. Das Biologie-Programm der nationalen Universität ist anscheinend sehr gut und tut viel für Naturschutz und Arterhaltung. Vor einigen Jahren wurde dafür ein Teil des Campus zum biologischen Reservat umfunktioniert, der jetzt der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich ist und wo sich daher diverse wilde Arten angesiedelt haben. Unter anderem eben Faultiere.

Jugendlicher, schon alleine unterwegs, aber Mama immer in der Nähe
Jugendlicher, schon alleine unterwegs, aber Mama immer in der Nähe

Es scheint, als finden die Faultiere es gar nicht so verkehrt, in den Bäumen rumzuhängen, unter denen die Studenten ihre Pausen verbringen. Vielleicht gucken sie genauso gerne Menschen, wie wir Tiere gucken? Wenn sie keine Lust mehr haben, ziehen sie sich ins Reservat zurück und sind dort ungestört, denn nur Biologen und Mitarbeiter der Uni haben zu Forschungs- und Beobachtungszwecken Zugang. 

Wir hatten sehr viel Glück und fanden direkt sechs Faultiere auf dem Campus verteilt - im ersten Baum direkt ein schlafendes Weibchen, ein fressendes Männchen und ein fast schon hyperaktives Jungtier, das besonders fotogen war. Da ich meiner Privat-Führerin direkt gesagt hatte, dass ich alles andere schon gesehen hatte und eigentlich nur wegen der Faultiere da wäre, hingen wir also nur unter den Faultierbäumen rum, aah-ten und ooh-ten und waren zusammen mit einer Gruppe amerikanischer Senioren ganz hin und weg, als eins der Flauschknäuel ganz nah vor uns den Baum ganz weit runter kam, um auf einen anderen umzuziehen. 
(Ihr habt's euch vielleicht schon gedacht: hier gibt's die Wagenladung Faultier-Fotos, weil es fast genauso schwer wie bei Affen ist, Faultiere auszusortieren.)

Ich bin nach den zwei Stunden auf dem Campus in San José jetzt jedenfalls absolut verliebt in Faultiere. Alles an denen ist einfach niedlich. Sie bewegen sich so langsam, weil sie hauptsächlich nährstoffarme Blätter fressen, die Verdauung lange dauert und ihr Stoffwechsel dadurch extrem langsam ist. Sie müssen auch nur etwa ein Mal pro Woche ihr Geschäft verrichten - dafür verlassen sie ihren Schlaf-/Futterbaum, damit der Geruch die Feinde nicht an die wichtigen Lieblingsplätze anlockt. Auf dem Campus gibt es einen Baum, unter dem immer die Köddel liegen. Dazu kommen die Faultiere runtergeklettert, klammern sich dann ein paar Zentimeter über dem Boden an den Stamm und lassen fallen, was fallen gelassen werden muss. Tatsächlich auf die Erde kommen sie nur, wenn es wirklich nicht anders geht. In solchen Regionen sind die Verkehrsunfälle mit Faultieren dann entsprechend hoch - weil sie einfach so langsam unterwegs sind und aus der Ferne nicht unbedingt als etwas lebendiges wahrgenommen werden.

was halt so am Straßenrand wächst
was halt so am Straßenrand wächst

Ich frage mich ja schon, wie sich das evolutionstechnisch rausgebildet hat, dass diese extrem langen gebogenen Krallen sinnvoll sind. Die können ja kaum damit greifen, aber zum Klettern scheint gut zu funktionieren. Ich hätte stundenlang zuschauen können, wie ein ausgewachsenes Faultier direkt vor uns vom einen Baum in den anderen umzog. Jede Bewegung wirkte etwas anstrengend oder wie eine sehr intensive Kontemplation, ob der auserwählte Ast wirklich der bestmögliche Move sein würde. Angekommen auf dem neuen Baum verlor es tatsächlich kurz den Halt und rutschte ein paar Zentimeter den Stamm runter, bevor es sich wieder fangen konnte. Runterfallen tun sie wohl auch oft, vor allem wenn sie sich in der Paarungszeit um ein Weibchen zoffen. Aber weil sie für ihre Größe sehr leicht sind, passiert ihnen dadurch meist nichts.

Als sich meine Campus-Führerin verabschiedete, blieb ich noch und hing noch fast eine Stunde unter einem der Faultierbäume ab. Es macht einfach richtig Spaß, denen zuzuschauen. Ich hatte öfters das Gefühl, dass ich gerne einfach hingegangen wäre, um dem großen Männchen zu helfen, schneller an sein Ziel zu kommen. Aber es hatte was extrem meditatives, da in der Sonne zu sitzen, Blick in den Baum gerichtet und zu warten, was als nächstes passieren würde - während man gleichzeitig wusste, dass eigentlich nichts aufregendes passieren kann.
Wenn das große Männchen besonders saftige Blätter gefunden hatte, wurde er sogar fast übereifrig und bewegte sich...vielleicht nicht wirklich schnell, aber doch definitiv etwas weniger langsam als vorher. 

 

Welch gelungener Abschluss meiner Reise - und das mitten in einer Stadt, die außenrum auch noch so unansehnlich und laut war.

Und was habe ich nun gelernt in vier Wochen Lateinamerika?
Erstmal vor allem, dass Bildungsurlaub eine echt tolle Sache ist, von der irgendwie viel zu wenige Leute wissen und noch weniger Gebrauch machen (es muss ja auch gar nicht gleich ein anderer Kontinent sein). Mein Schulspanisch war gar nicht so weit hinten im Hirn versteckt, wie ich erwartet hatte, und es war wirklich schön, am letzten Tag von gleich drei Uber-Fahrern gesagt zu bekommen "Wow, du sprichst wirklich gut Spanisch!" Das gelispelte c und z habe ich mir auch ganz schnell abgewöhnt, damit man mir auch glaubte, dass ich für Latino-Spanisch gekommen war.
Ich habe auch gelernt, dass es noch verfrorenere Menschen als mich gibt. In Boquete wurden bei 21 Grad abends an jeder Straßenecke Handschuhe zum Kauf angeboten und die Festival-Besucher, die sonst offenbar in wärmeren Gefilden wohnen, waren teilweise mit Pelzmänteln, Moonboots und Wollmützen unterwegs.
Insgesamt war es also ein aufschluss- und lehrreicher Trip in eine Ecke der Welt, die schon ziemlich lang auf der Bucketlist stand, und ich bin froh, dass ich nicht nur zum Spanisch-Lernen, sondern auch für ein bisschen Urlaub dort war. Vielleicht mach ich sowas in zwei Jahren wieder - dann vielleicht mit Französisch auf Réunion?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0