Na, ich weiß ja nicht, ob die Spanier recht hatten. Als die hier ankamen, fanden sie kein Gold, keine Gewürzpflanzen, nicht mal fruchtbares Land. Über 100 Jahre blieben sie, voll Hoffnung, dass sich irgendwann doch noch ein Nutzen offenbaren würde. Nix wars. Sie verließen Curaçao und Bonaire und gaben ihnen den Namen "Isla Inútil", nutzlose Insel.

Seltsam...nach knapp einer Woche hier habe ich schon einen gigantischen Nutzen dieser Inseln gefunden: Neujahr statt bibbernd in Norddeutschland lieber schwitzend bei 30 Grad in der südlichen Karibik verbringen!
Silvester in Hamburg hat mich letztes Jahr ein bisschen...nein... richtig doll verschreckt. Sich um Mitternacht rum in der Gegend um die Reeperbahn wiederzufinden zwischen Verrückten, die Böller unter Polizeiautos werfen, Krankenwagen im Einsatz behindern und Bomben zünden, die in ganzen Straßenzügen die Fenster bersten lassen, hat nachhaltig meine Lust auf Silvesterfeierei und Feuerwerk beeinflusst. Also stand die Entscheidung recht schnell fest: zum Jahreswechsel '25/26 will ich lieber ganz weit weg.

Weil genauso auch schon länger ein anderer Plan in meinem Kopf rumgeisterte, machte sich die Reiseplanung fast von allein: wo kann ich im Januar Spanisch lernen und es mit einem möglichst kurzen Flug mit was anderem verbinden?
Spanien kann ja jeder, dachte ich mir, also buchte ich meine zwei Wochen Sprachkurs lieber gleich weit weg in Panama. Da ist die Karibik als Zwischenstopp kaum zu toppen, und weil ich einige der Inseln im Norden mit Aida schon erkunden konnte, musste es dieses Mal also der Süden mit den ABC-Inseln sein.

Curaçao ist die größte, Bonaire die kleinste der drei Inseln "unter dem Winde", das heißt sie liegen unterhalb der Hurrikane-Zone und haben das ganze Jahr über gutes Wetter. Wenn Hurrikane-Saison ist, gibt es hier höchstens ein paar Tage Sturm. Grade ist Regenzeit, aber außer drei heftigen aber sehr kurzen Schauern habe ich davon nichts gemerkt. 2014 hat es 13 Monate lang nicht geregnet auf Bonaire, da haben selbst die Kakteen aufgegeben und sind umgekippt. Diese Saison besteht noch Hoffnung, dass ein paar Tropfen fallen werden.
Curaçao und Bonaire sind zwar in den Tropen, aber werden eigentlich nicht als tropische Inseln gesehen, sondern als Wüsteninseln. Es ist so trocken, dass es zwar Bäume und Sträucher gibt, aber nichts wirklich hohes. Die Kakteen werden dafür umso höher.
Die am weitesten verbreitete Art ist der Kadushi, der üblicherweise bis zu 10 Metern hoch wird, aber auch schon mal mit 15 Metern gesehen wurde. Mit dem Alter verholzen die Stämme und tote Kakteen sehen aus wie umgefallene Bäume.
Der Kadushi ist auch das Gefährlichste, was es auf den Inseln gibt. Die Stacheln sind so dünn und spitz, dass sie einfach durch die Haut gehen, man merkt das wohl kaum. Sie gehen so tief rein, bis sie auf Knochen stoßen, dort entwickelt sich dann eine richtig fiese Entzündung, mit der man meistens mehrere Jahre zu kämpfen hat, bis man alles wieder bewegen kann und keine riesige Beule mehr an der Stelle hat.

Aber draußen in der wüsten Natur war ich erst am vorletzten Tag meines Aufenthaltes. Erstmal ging es nach Curaçao und in die Hauptstadt Willemstad. 2010 haben alle Inseln der niederländischen Antillen entscheiden dürfen, ob sie weiterhin "Kolonie" der Niederlande sein oder unabhängig werden wollen. Aruba und Curaçao haben sich für die Unabhängigkeit entschieden, haben heute zwar noch enge Verbindungen zum europäischen großen Bruder, aber machen weitestgehend ihr eigenes Ding. Sint Maarten machte mit, und die drei sind nun eigene Nationen innerhalb des niederländischen Königreiches.
Bonaire hat zusammen mit Sint Eustatius und Saba dafür gestimmt, Teil der Niederlande zu sein und gilt heute als "special municipality". Die Polizei ist zum Beispiel direkt der niederländischen Regierung unterstellt und man hat fast alle niederländischen Gesetze übernommen. Dafür gibts aber auch mehr Unterstützung vom Königshaus, zum Beispiel für Naturschutz-Maßnahmen im Marinepark und den Nationalparks.

Den historischen Einfluss Hollands merkt man auf Curaçao fast mehr als auf Bonaire. Die Häuser am Hafen erinnern doch sehr an die Handelshäuser entlang der Amsterdamer Grachten, und mein liebstes holländisches Verkehsschild gibts auch öfters: let op drempels (Vorsicht, Hubbel)!
In der Schule lernen alle Schüler Holländisch, dazu aber auch Englisch und oft Spanisch. Die Nationalsprache (die nirgends sonst gesprochen wird) heißt Papiamentu und ist ein seltsamer Mix aus allen dreien, klingt manchmal wie Portugiesisch und war ursprünglich die Sprache der amero-indianischen und westafrikanischen Sklaven, die eine eigene Art entwickelten, sich untereinander zu unterhalten, ohne dass ihre Herren sie verstehen konnten.
Wenn man auf der Straße unterwegs ist, hört man Einheimische fast nur Papiamentu reden, aber alle können mitten im Satz switchen auf die Sprache, die dem Gegenüber am leichtesten fällt. Meist ist die erste Frage nicht, wo man herkommt, sondern welche Sprache man versteht. Kein Wunder, bei 139 Nationen, die auf den Inseln vertreten sein sollen.
Auf den Touren, die uch mitgemacht habe, hat der Reiseleiter immer alles in zwei, manchmal drei Sprachen erzählt, damit alle alles verstehen.
Ich glaube, ich war noch nie so lange irgendwo ohne andere Leute deutsch reden zu hören. Sonst sind die Deutschen immer überall - hier sind es die Holländer und Amerikaner. Erstere, weil es mehrmals pro Woche Direktflüge von Amsterdam gibt; letztere weil die Karibik halt als "Backyard of the United States" gilt und in nur ein paar Stunden von den meisten US-Flughäfen erreichbar ist.
Für mich war es der Flug von Amsterdam, der zwar über 10 Stunden dauert, aber der wohl entspannteste Flug meines Lebens war. Es lebe Premium Economy! Mit der netten Holländerin Merle, die neben mir auch ihr erstes Mal mit extra Beinfreiheit und extrabreitem Sitz erlebte, hatte ich eine ganz wunderbare Zeit. Wir stießen ganze vier Mal mit leckerem Curaçao-blauen Cocktail an, quatschten bis wir nicht mehr quatschen konnten und lehnten uns dann zurück - mit sehr tiefer Rückenlehne und automatisch hoch kommenden Fußlehnen, herrlich!
Ich war so entspannt, dass mich das konstant plärrende Baby kaum störte und mir auch relativ egal war, dass mein Gepäck noch eine Nacht in Amsterdam blieb und mich erst 48 Stunden nach meiner Landung erreichte.
Meine Bade- und Schnorchelsachen brauchte ich eh nicht sofort, denn Willemstad hat auch an Land sehr viel zu bieten. Die Innenstadt ist zweigeteilt. In Punda ("Punkt") lebten früher die Kollonialherren, die Kapitäne, die Reichen, kurz: die Europäer. Hier standen die großen Handelshäuser am Hafen, denn mit den goldsuchenden Spaniern war Curaçaos Geschichte natürlich nicht zu Ende. Die Holländer erkannten sehr wohl einen Nutzen: den tiefsten natürlichen Hafen in der Karibik, der sich ganz hervorragend eignete für den Handel zwischen Europa und dem relativ neu entdecken amerikanischen Kontinent, zum Beispiel mit Sklaven. Noch heute gibt es den Hafen, er gilt als der wichtigste in der Karibik weil voll beladene Containerschiffe ohne Probleme bis in die Stadt reinfahren können.
Die Sklaverei wurde hier 1863 abgeschafft, den befreiten Sklaven wurde Land auf der anderen Seite des Hafens gegeben mit Namen Otrobanda ("andere Seite").

Heute erkennt man weiterhin diese erste Unterteilung. Die schicken Resorts und Villen stehen eher im Süden der Insel, während der Norden eher von Einheimischen bewohnt wird. Aber insgesamt kommen alle mit allen gut aus, ich hab mich sehr sicher gefühlt, auch nachts alleine unterwegs zu sein.
Und über allem herrscht natürlich the island way of life, man sieht alles eher entspannt, Pünktlichkeit wird überbewertet, Verkehrsregeln auch. Schnell laufen sieht man kaum jemanden, schnell Autofahren schon eher, aber die Angst das Auto zu verlieren ist bei den meisten zu groß. Denn angeben tut man gern, egal ob es ein fancy Motorrad oder ein dickes Auto ist. Abends die eine Straße nach Willemstad reinzufahren ist eine Qual, wo ich zu Fuß 12 Minuten von meinem B&B brauchte, war ich einmal mit Hausherr Sidney 32 Minuten unterwegs, nur weil er mir nach meiner Ankunft "ganz schnell" einen Überblick geben wollte.
Erst an der Königin-Emma-Brücke ist Schluss mit dem Verkehr. Die schwimmt auf Pontons und verbindet Otrobanda mit Punda und ist heute nur noch eine Fußgängerbrücke. Schiffe haben immer Vorfahrt, egal wie groß oder klein sie sind. Wenn eins in den Hafen oder raus will, löst sich die Brücke an einem Ende und die Pontons gleiten an ein Ufer, sodass die Hafeneinfahrt freiliegt.
Als Fußgänger weiß man nie, wann die Brücke aufgehen wird, aber wenn es soweit ist, ertönt ein Alarm und eine Flagge wird gehisst. Je nach Farbe der Flagge weiß man, wie lang die Brücke offen sein wird. Meist sind es nur maximal 10 Minuten, aber bei längerer Öffnung wird nebenan der Fährsteg geöffnet und alle Fußgänger werden kostenlos mit der Fähre ans andere Ufer gebracht.

Der erste Blick von Otrobanda nach Punda rüber ist super schön. Die Häuser an der Hafenkante sind alle richtig schön leuchtend bunt gestrichen und das zieht sich durch die ganze Stadt, und (nur meist nicht ganz so grell) sogar bis in die Vorte und den Rest der Insel.
Der Grund dafür ist so einfach wie bescheuert: In den 80ern waren die meisten Häuser weiß gestrichen und es war ein Gouverneur an der Macht, der fand, dass weiße Häuser in der grellen Sonne alle blenden. Er beschloss also kurzerhand ein neues Gesetz, dass jedes Haus farbig gestrichen werden soll, egal welche Farbe(n), Hauptsache nicht weiß. Das wurde also getan und auch als rauskam, dass das Gesetz wohl mit von dem Umstand beeinflusst wurde, dass der Schwager des Gouverneurs das einzige Farbengeschäft der Insel betrieb, und der Gouverneur irgendwann eh mit jemand neuem ersetzt wurde, blieben alle Einheimischen bei ihren bunten Häusern.
Heute sind sie richtiger Teil der Identität der Insulaner und Erkennungszeichen Curaçaos. Also alles richtig gemacht, der alte Gouverneur.
Wenn man hinter die Fassaden schaut und durch die kleineren Straßen und Gassen von Punda und Otrobanda spaziert, erkennt man schnell, das farbige und lebendige Wände hier einfach dazu gehören - hinter jeder Ecke verstecken sich ganz wunderbare Wandmalereien, eine schöner und bunter als die andere. Das erste Streetart-Projekt entstand in einer winzigen Gasse in der Innenstadt, um die nächtlichen Besucher davon abzuhalten, weiterhin an die Wand zu pinkeln. Es hat funktioniert und eine ganze Welle an Streetart-Künstlern hervorgebracht. Wer was drauf hat, darf eine Wand bemalen und wird Teil einer Kooperative, die sich um neue Flächen und angemessene Bezahlung kümmert.
Sehr coole Sache, auch wenn dadurch jeder Bummel durch Willemstad zum Labyrinth wird, weil man einfach alles sehen will und es selbst auf den langweiligsten Parkplätzen und Hinterhöfen die tollste Kunst entdeckt.
Vor dem Spanischkurs noch eine Woche Urlaub hier ranzuhängen war definitiv eine gute Idee.
PS: Reiseblog auf dem Tablet und Handy statt auf dem Laptop zu schreiben, war hingegen keine so tolle Idee. Daher gibt es Fotos erstmal nur im Pulk untendrunter statt im Text. Und sie sind nicht sortiert. Und nur semi-gut beschriftet. Wer darauf Wert legt, sollte in 4 Wochen wieder reinschauen wenn ich zu Hause alles schön gemacht hab ;)













































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