Wasser, Wasser, Wasser überall

Sechs Tage auf See. Das ist schon was spezielles und nichts für jedermann. Ich persönlich habe es ja sehr genossen, sechs Tage lang recht gemütlich an Bord zu verbringen. Aber bevor es auf ging zur Transatlantik-Reise durften wir noch einmal zwei neue Inseln erschnuppern. Und plötzlich weiß ich, wie die Gäste sich fühlen mit immer nur einmal einem Tag Aufenthalt.

Bridgetown, Barbados
Bridgetown, Barbados

Was man über Barbados weiß oder denkt über Barbados zu wissen, ist eigentlich paradiesische Trauminsel in der Karibik. Dabei ist Barbados eigentlich schon gar nicht mehr in der Karibik, sondern schon etwas zu weit östlich und schon wieder mitten im Atlantik. Das Wetter war entsprechend nicht mehr ganz so sonnig und perfekt dafür geeignet, möglichst wenig Zeit an Land zu verbringen. Für mich ging es also wieder mal unter die Wasseroberfläche und weil meine Eltern ja endlich auch zu Besuch waren, sogar mit netter Begleitung. Im Jachthafen der Hauptstadt Bridgetown liegt ein U-Boot, das einen auf 40m bis zum Meeresboden vor der Küste bringt und das war schon ziemlich beeindruckend, da mitten durch die riesigen Fischschwärme zu schweben. Jetzt wissen die Eltern vielleicht auch ein bisschen besser, wieso Tauchen so was tolles ist.
Am Abend war sogar noch Zeit für einen Spaziergang mit den Scouties in die Stadt für einen Absacker-Milchshake. Aber egal, ob jetzt Rihanna von hier kommt oder nicht – begeistert waren wir von Bridgetown nicht so. Viel Verkehr, recht moderne Innenstadt, nicht so schön bunt wie man es sonst in der Karibik oft hat. Gut, dass wir nicht dauernd in Barbados waren.

 

ich bin Tarzaaaaaaaaaaan!!
ich bin Tarzaaaaaaaaaaan!!

Da hat mir den Tag vorher Dominica doch sehr viel besser gefallen. Übrigens ein eigenes Land, das nichts mit der Dominikanischen Republik zu tun hat. Auch, wenn sich die Einwohner beider Staaten „Dominicans“ nennen. „Dominican Republicans“ wäre aber auch etwas seltsam und sehr politisch behaftet…
Grün – mehr kann man eigentlich gar nicht sagen, um Dominica perfekt zu beschreiben. Bekannt als die Insel des Regenwaldes und der Wasserfälle (wohl um die 250 an der Zahl), gehen natürlich auch die meisten unserer Ausflüge einfach raus in die Wildnis. Ich durfte mit einem waschechten Rastafari namens Danny und einer gemütlichen kleinen Gruppe Gäste den Urwald unsicher machen. Auf Wegen, die in Deutschland nie als Wege deklariert wären, ging es quer durchs Grün. Danny bewies uns, dass Tarzan keine Fiktion ist, sondern dass so eine Liane wirklich sehr viel aushält. Die Lianen, die was aushalten, sind eigentlich sogenannte Luftwurzeln, wie bei Orchideen: Bäume, die Wasser auch aus der Umgebungsluft aufnehmen und dafür ihre Wurzeln nicht unter der Erde haben müssen, sondern einfach in der Gegend rumbaumeln lassen. Die fühlen sich an wie ganz normale Äste und so eine einzelne Liane hält locker an die 80kg. Nimmt man fünf oder sechs Lianen vom gleichen Baum, kann man damit rechnen, dass die zusammen bis zu 750kg aushalten. Faszinierend. Und wir mussten das natürlich auch gleich ausprobieren, also hatten alle was zu lachen, als der arme Scout als erstes mit der Liane durch den Regenwald und über den reißenden (knöcheltiefen) Bach schaukeln musste.

 

Urwaldwander"weg"
Urwaldwander"weg"

Die Wasserfälle sind beeindruckend. An einem gibt es eine sogenannte „Weeping Wall“, eine weinende Wand. Das ist einfach eine Felswand mitten im Wald, die komplett überwuchert ist von Moos und anderen Pflanzen und oben läuft irgendwo Wasser entlang und tröpfelt so die Wand runter, dass alles nass ist und die „Tränen“ von jedem einzelnen Blättchen tropfen, die ganze Luft ist voll mit Wasser und man fühlt sich wie in einer warmen Wolke. Sehr erfrischend, vor allem weil Danny mich und ein paar andere Mutige anschließend überredet hat, dass es nur was für Langweiler ist, beim ersten Wasserfall zu bleiben, und die richtig Coolen doch noch den zweiten erklettern müssen. Also ging es über Stock und Stein und Wurzelwerk und viel, viel Matschepampe den Berg rauf, so steil, dass man sich teilweise nur mithilfe der angebrachten Seile raufziehen konnte. Die Fingernägel waren dann erstmal alle frisch gefeilt und alle Knöchel, Knie und Schienbeine waren aufgeschürft, aber als ich abends zurück kam, hatte ich einen Kopf voll toller Eindrücke, einen Rucksack voller Matsch und eine Kamera voll Fotos, die nicht annähernd erzählen, wie beeindruckend Dominicas Wildnis wirklich ist.

 

ein letztes Mal Einlaufen St Maarten
ein letztes Mal Einlaufen St Maarten

Und dann ging es auf See. Sechs Tage lang. Von Papa hab ich erfahren, dass ich schon die dritte bin, die in unserer jüngeren Familiengeschichte mit dem schwimmenden Arbeitsplatz eine Atlantiküberquerung mitmache. Das hat mich schon ein bisschen stolz gemacht und das erzähle ich jetzt auch allen, die es hören wollen. Vielleicht liegt mir die Liebe zur See ja doch in den Genen?
Sechs Tage auf See muss man auch erstmal rumbringen ohne vor Langeweile einzugehen. Aber die AIDA-Crew lässt sich ja immer einiges einfallen. Ein Frühlingsfest ganz in Weiß gehörte natürlich genauso zum Transatlantik-Programm wie eine Osterparty mit Ostereier-Bemal-und-Osterkörbchen-Bastelaktion (die Osterkörbchen natürlich à la Seemann: gebastelt aus Spucktüten) und lebensgroßem Osterhasen, der das Pooldeck unsicher machte. Der traditionelle AIDA-Zehnkampf kann natürlich auch nur stattfinden, wenn viiiiel Zeit für Trainingssessions und Wettkämpfe übrig ist. Weil zu wenig Crew Interesse zeigte, wurden die armen Scouts genötigt mitzumachen beim Shuffleboard (die Gäste haben uns abgezogen wie nix, weil die auf jeder ihrer 5 bis 27 früheren AIDA-Reisen fleißig üben konnten), beim Eisstockschießen (statt Puck auf Eisbahn gab es bei uns einfach Pucks aus Eis auf dem Sportdeck), beim Volleyball (sogar der Käptn stand mit auf dem Spielfeld) und Tischtennis. Wenigstens ist keiner auf die Idee gekommen, mich beim Dartturnier einzuplanen, sonst würde ich, wie ich mich und scharfe Gegenstände kenne, heute vermutlich nicht mehr hier sitzen und diese Zeilen schreiben.

 

White Night auf dem Pooldeck
White Night auf dem Pooldeck

Aber auch ohne scharfe Sachen schwebt man auf einem Kreuzfahrtschiff ja immer in Lebensgefahr. Ja, ich bin tatsächlich auf dem Weg ins Bett aus dem Bett gefallen, plötzlich waren überall Stuhlbeine und dann durfte ich mir sechs Seetage lang jedes Mal auf dem Pooldeck anhören „wer hat dich denn vergewaltigt?“, weil beide Schulterblätter, beide Ellbogen und Oberarme und der rechte Oberschenkel blaugeschlagen waren, das rechte Handgelenkt blutete und ich bei jedem Lachen vor Schmerzen stöhnte, weil höchst wahrscheinlich die unterste rechte Rippe geprellt ist. Blau bin ich jetzt anderthalb Wochen später nicht mehr und Lachen tut auch nicht mehr weh, also bin ich wohl ohne bleibende Schäden davon gekommen und habe gelernt, immer genau drauf zu achten, wo ich meine Füße hinsetze, wenn ich ins und aus dem Bett steige.

 

Wenn man ein cooles Team an Bord hat, macht es auch richtig viel Spaß Besuch zu haben. Alle freuen sich mit einem und es ist überhaupt kein Problem, auch mal kürzere Schalterschichten zu übernehmen, damit man mal im Gästebereich Kaffeetrinken gehen kann. Man hat öfters die Möglichkeit, auch mal in den Restaurants essen zu gehen und die Mittagspause in der Hängematte auf dem elterlichen Balkon zu verbringen, hat auch was.
Und natürlich rufen die üblichen sozialen Verpflichtungen (nur kann man früher abhauen, weil man immer die Ausrede hat, dass man noch mit den Eltern verabredet ist), wie das ganz seltsame Event, das auf dem Pooldeck zu Beginn der Trans-Atlantik-Reise stattfand. Einige Crewmitglieder haben beschlossen, dass man das Thema doch auch abstrakt darstellen könnte in einer „Miss-Trans-Wahl“ – und nein, es ging nicht um die Wahl einer Miss „Trans-Atlantik“. Es fanden sich doch tatsächlich einige Kollegen, die offenbar sehr gerne in Frauenkleidern, Perücken und hohen Hacken rumlaufen. Und so gab es einen Schönheitswettbewerb, den Rosi (aka Matthias) klar für sich entschied. Sachen gibt’s…

 

Neptuntaufe mit Scout Corinna und Biker Rüdiger
Neptuntaufe mit Scout Corinna und Biker Rüdiger

Entspannung gab es ja wenigstens auch genug auf sechs Seetagen. Chefin Leo organisierte uns einen Teamabend im 4D-Kino, wir konnten abends ungestört Pingpong spielen und auch sonst hatten wir einiges zu tun. Ich wurde eingeladen zu meiner ersten Neptuntaufe. Weil ich noch nie bei einer dabei war, durfte ich gleich helfen bei der Ausgabe ekliger Lebensmittel. Wer den Atlantik überquert, wird für seinen Mut belohnt von Neptun höchstpersönlich. Der bringt eine weitere Mutprobe mit an Bord und so müssen die Gäste Neptuns Haare essen (grüne al-dente-Ekel-Spaghetti), Seetang schlucken (versalzene Spinatpampe), den Glibber aus Neptuns Mantel probieren (grüner Wackelpudding) und einen kalten Fisch küssen (ein kalter Fisch. Ehrlich jetzt.). Und wer das alles gemeistert hat, bekommt dann einen Seemannsnamen wie „Tanja der Tintenfisch“ oder „Corinna der Clownfisch“ oder „Rüdiger der Rochen“ und alle sind glücklich. Besonders die Gäste, die ankommen und sagen „Ich war bei meinen vier vorigen Taufen immer „Sabine die Sardine“, darf ich das wieder haben?“

 

Herzlicher Abschied aus St Kitts
Herzlicher Abschied aus St Kitts

So richtig habe ich aber trotzdem nicht das Gefühl, gerade wirklich 7.600 km über den offenen Atlantik gefahren zu sein. Mama und Papa haben gesagt, sie haben die gesamten sechs Tage kein Land oder auch nur ein anderes Schiff irgendwo gesehen, da ist wirklich einfach gar nichts zwischen Barbados und Madeira. Uns wurde eingetrichtert, dass wir jeden, der uns etwas kränklich erscheint, sofort ins Hospital schicken sollen, denn „nur am ersten Seetag sind wir nah genug an Land, dass ein Rettungsboot oder Heli kommen kann.“ Wäre mir als alter gebrechlicher Mensch ehrlich gesagt vielleicht ein bisschen zu riskant ohne Facharzt in der Nähe.
Andererseits aber auch wiederum cool für die Gäste, die sich nicht beherrschen können und andere verprügeln müssen. Die werden dann vom Kapitän zum Gespräch geladen und dürfen den nächsten Tag auf eigene Kosten nach Hause fliegen. Leider ist der Gebrauch einer Planke auf Kreuzfahrtschiffen nicht vorgesehen, deswegen durfte der kampfbereite Herr die Transreise noch fertig machen und musste erst in Madeira nach Hause gehen.

 

Scout-Ausflug auf Deck 6
Scout-Ausflug auf Deck 6

Wie eine Transreise hat es sich nicht angefühlt mit den höchsten Wellen in sechs Tagen von zwei Metern über Nacht. Die meiste Zeit sah es draußen eher aus wie maximal 20cm Wellenhöhe, eher wie so ein Ententeich über den wir da geschippert sind, schon fast abnormal ruhige See. Vor allem, da unser Schwesterschiff AIDAdiva nur ein paar Tage vor uns und nur ein bisschen nördlicher von uns unterwegs war und die zehn Meter Wellenberge tagelang im Gepäck hatte. Da wäre ich als Gast vielleicht auch lieber direkt am erstbesten europäischen Hafen von Bord gegangen.

 

Winkewinke von der Brücke
Winkewinke von der Brücke

In Madeira haben uns tatsächlich auch um die 100 Gäste verlassen, die alle Kinder im Schulalter dabei hatten und dann doch dachten, dass die Kinder vielleicht nicht noch mehr Unterricht verpassen sollten, also sind die alle vier Tage vor Ankunft in Hamburg abgestiegen und nach Hause geflogen. Auch irgendwie seltsam…dann buch ich doch gleich eine andere Reise anstatt was zu zahlen, was ich gar nicht in Anspruch nehme.
Und dann gibt es natürlich noch die Absteiger, die nichts dafür können. Wie gesagt kann im Notfall der Rettungsdienst nur an Bord kommen, wenn wir noch irgendwie in der Nähe zu irgendeiner größeren Landfläche sind. Unser Hospital an Bord hat natürlich auch kompetente Ärzte und Krankenschwestern, aber Fachärzte sind die natürlich nicht und für mehr als die Basics ist auch einfach kein Platz hier. Wenn jemand an Bord verstirbt, gibt es einen speziellen Kühlraum, damit der Leichnam auch heil nach Hause transportiert werden kann. Die Gäste fragen uns immer wenn sie davon hören „Ja, Sie haben ja genug Kühlschrankplatz für das ganze Fleisch, dann passt da ja auch ein Mensch rein.“ Nein. Die Toten werden auch an Bord genug gewürdigt, um nicht neben den Tiefkühlfischstäbchen liegen zu müssen.

 

Auf den langen Transreisen kommt es schon mal vor, dass ein Gast verstirbt; im Fall auf der Luna aber doch eigentlich ganz schön für die Familie zu wissen, dass er ganz friedlich eingeschlafen ist, nachdem er sich den Traum der Karibik noch erfüllen konnte.

 

 

 

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Flo (Mittwoch, 17 Mai 2017 21:54)

    Glückwunsch zur Atlantiküberquerung!
    Hast du dir schon deinen verdienten Anker tätowieren lassen?