Unter Langhälsen

Weiter ging es auf der Suche nach den „Big Five“. Man würde denken, es handelt sich um die größten Tiere der Savanne, und Elefanten und Nashörner gehören ja auch dazu. Aber Nashörner sind auch ganz schön groß und werden dort nicht mitgezählt. Und zwar nicht so massig, dafür aber gigantisch lang und hoch, und trotzdem kein Teil der Big Five: Giraffen!

Zum Ende der Reise waren Giraffen schon fast etwas normales, was man ab und an irgendwo im Gebüsch stehen sieht, aber zu Beginn waren sie eins meiner Highlights. Man denkt sich ja öfters, dass die Natur schon echt komische Sachen erfunden hat und so staksig wie Giraffen unterwegs sind, dachte ich das auch ab und zu. Aber sie sehen trotzdem so anmutig aus und haben superlange Wimpern und nochmal längere graublaue Zungen, mit denen sie Blätter von den Bäumen zupfen. Dann gehen die weichen Lippen auf und tasten vorsichtig voran, danach wird die riesige Zunge ausgefahren und findet den Weg vorbei an den teilweise gigantischen Stacheln bis zu den leckersten Blättern.

Pole Pole!
Pole Pole!

Was in Madagaskar „Mora Mora“ ist, heißt in Kenia „Pole Pole“ und bedeutet so viel wie „Langsam, langsam“ oder „nur keine Hektik“. Da musste ich immer dran denken, wenn wir Giraffen fressen gesehen haben. Sie stehen halt rum und suchen sich einen geeigneten Busch oder Baum, bei dem sie sich im Idealfall nicht allzu weit hoch oder runter strecken müssen, und dann wird drauf losgeknabbert. Weil Giraffen oft in kleinen Herden oder Familiengruppen unterwegs sind, könnten sie einen ganzen Landstrich recht schnell verwüsten. Daher haben sich einige der Lieblingspflanzen der Giraffen über Jahrtausende der Evolution eine geniale Lösung einfallen lassen: nach ein paar Minuten, die der Baum von einer Giraffe angeknabbert wird, beginnt er, ein bitteres Sekret abzusondern. Das schmeckt der Giraffe nicht und sie sucht sich einen neuen Baum. Benachbarte Bäume können auch miteinander kommunizieren und dann sondern sie alle ihren Bitterstoff ab, sodass die Giraffe nicht einfach den nächsten oder übernächsten Baum nimmt, sondern erst ein Stück weiter Chaos anrichten kann.

Es gibt verschiedene Giraffenarten, haben wir gelernt, davon drei in Kenia. Und inzwischen hat mir Wikipedia auch erklärt, dass das Okapi, was man aus dem Zoo kennt, anscheinend auch eine Art Giraffe ist, aber das ignoriere ich einfach mal, denn eine Giraffe muss für mich einen langen Hals haben, sonst ist es ja langweilig. Wikipedia liefert aber wie immer andere interessante Dinge, nämlich dass Giraffen nicht nur Paarhufer (wie Kamele oder Antilopen oder seltsamerweise auch Nilpferde) und Wiederkäuer (wie Kühe) sind, sondern auch zu den Stirnwaffenträgern gehören, na wenn das mal nicht ein cooler Titel ist. Die „Waffen“ sind die drei Hörnchen auf dem Kopf, der bis zu sechs Meter hoch auf dem ultralangen Hals sitzt. Den Hals aufrecht zu halten, kostet die Giraffe keine Anstrengung, sondern das ist der entspannte Normalzustand. Aber um weit unten Blätter zu zupfen oder aus einem Wasserloch zu trinken, muss der Giraffenhals ganz viele Muskeln betätigen.

Herdenausflug
Herdenausflug

Unterhalten tun sich Giraffen auch, ähnlich wie Elefanten und Wale in einer Schallfrequenz, die der Mensch nicht hören kann. Wenn sie sich nicht unterhalten oder fressen oder wiederkäuen, schlafen Giraffen, aber immer nur ganz kurz und meistens im Stehen, um schneller flüchten zu können.
Eine Giraffe haben wir rumliegen sehen, das sah sehr seltsam und auch noch sehr unbequem aus. Stehend fanden wir sie am meisten oder eben spazierend von einem Busch zum nächsten. Aber am liebsten haben wir ihnen beim Fressen zugeschaut, mit der langen Zunge sind sie sehr fotogen und bieten viele Momente zum Lachen.
Ähnlich wie bei den Elefanten sind auch die Giraffen in den kenianischen Reservaten an die Jeeps der Ranger und Touristen gewöhnt und lassen sich nicht wirklich stören, außer sie haben Junge dabei, dann sind sie vorsichtiger und bleiben eher auf Abstand.

Flammenbaum in Blüte
Flammenbaum in Blüte

Zum Abschluss unserer Zeit in Kenia gab es nochmal was giraffig besonderes: wir fragten George, ob wir früher aus der Masai Mara Richtung Süden aufbrechen könnten um nochmal ein bisschen Zeit in Nairobi zu haben. Er stimmte zu und so konnten wir das Giraffe Center in einem der reichsten Stadtviertel der Hauptstadt besuchen. Schon die Fahrt dahin ist spannend, weil man durch super saubere, breite und hübsch bepflanzte Straßen fährt, entlang hoher Mauern mit Stachel- und/oder Elektrozaun obendrauf und manchmal sieht die man die extrem schicken Villen, die sich die Reichsten gebaut haben. Hier lebt Nairobis Elite und auch die meisten der hochrangigen Politiker, ein besonders angeberischer Bewohner hat sich eine Burg gebaut, komplett mit Türmchen und Zinnen.

Klugscheißerwissen: die Giraffenzunge ist hochpigmentiert zum Schutz vor Sonnenbrand und kann bis zu einem halben Meter lang werden
Klugscheißerwissen: die Giraffenzunge ist hochpigmentiert zum Schutz vor Sonnenbrand und kann bis zu einem halben Meter lang werden

Und mittendrin liegt das Giraffe Center, das sich seit über 40 Jahren der Zucht der höchst bedrohten Rothschild-Giraffen verschrieben hat. Ein Schotte und seine Frau hatten in den 70ern von der Art gehört, die kurz vor dem Aussterben war und nur noch etwas mehr als 100 Tiere umfasste. Sie fingen zwei davon und stiegen in die Zucht ein. Bis heute haben sie über 20 Tiere ausgewildert und zusammen mit anderen Schutzprogrammen haben sie es geschafft, dass es heute wieder fast 1.500 Rothschild-Giraffen in Afrika gibt. Das Center in Nairobi lädt außerdem Schüler und Lehrer zum kostenlosen Besuch ein, damit die einheimische Jugend mehr über Arten- und Naturschutz lernt. Man unterstützt also als Tourist auch noch was gutes – und das, während man sich die Finger abschlabbern lässt. Ja, wir durften Giraffen füttern!!

Am Eingang des Centers bekommt jeder Besucher eine Kokosschale mit grünen Futterpellets in die Hand gedrückt und dann geht man über eine erhöhte Plattform am sehr schönen Giraffenhabitat entlang. Es gibt auch ein Hotel (nächster Urlaub in Kenia und so) auf dem Gelände, das liegt mitten im Reservat und morgens kann es vorkommen, dass durchs offene Fenster eine Giraffe ihren Hals reinstreckt und deinen Orangensaft klaut. Für uns ging es nur einmal entlang der Plattform, wo drei Giraffen grade Lust hatten, betüddelt zu werden. Man zeigt ihnen ein Pellet, dann kommt die Zunge raus und man legt es einfach auf die Zunge. Von der flachen Hand haben sie auch gefressen, dann kamen erst die weichen Lippen, bevor die Zunge weitergetastet hat. Wenn ich es vorher nicht war, bin ich spätestens jetzt in Giraffen verliebt – das war vielleicht ein putziges Erlebnis!
Nur ein bisschen aufpassen muss man. Wenn man nämlich so tut, als hätte man was zum Naschen und dann hat man gar nichts, können sie grantig werden und mal eben mit den Hörnchen zuschlagen – überall haben Schilder vor „Head bumps“ gewarnt.

gaaanz vorsichtig (bestimmt nur, dass die hübschen Puschel nicht durcheinander kommen)
gaaanz vorsichtig (bestimmt nur, dass die hübschen Puschel nicht durcheinander kommen)

In wild gab es Giraffen zuhauf zu sehen. Und ähnlich wie bei den Elefanten denkt man, dass das Verstecken für solche langen und gemusterten Hälse doch sicher schwer sein muss und man an jeder Ecke eine Giraffe stehen sehen müsste. Aber durch Steppensträucher und Bäume durch scheint das Muster in der Tat die beste Tarnung zu sein.
Leichter zu finden waren die Giraffen am Lake Naivasha, wo Teile der Verfilmung des Buches „Jenseits von Afrika“ von 1985 gedreht wurden. Neben den Nilpferdgrüppchen und Fischern im Wasser gibt es am Ufer ein eingezäuntes Gelände, wo Tiere ausgesetzt wurden, um die Savanne naturgetreu darstellen zu können. Heute leben hier Masai-Giraffen, Steppenzebras, Wasserböcke und Gnus ganz unbehelligt von ihren natürlichen Fressfeinden und beglücken die Touristen, die bis auf wenige Meter rankommen können.

Den Film muss ich mir noch anschauen, ist ja immer cool, sagen zu können „Hey, da war ich schon!“ Das Wohnhaus der Buchautorin Karen Blixen haben wir uns in Nairobi auch angeschaut und ihre Story klingt so interessant, dass man mit dem Film wohl nichts groß falsch machen kann.

Steppen-Idylle
Steppen-Idylle

 

 

 


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