Greifswald. Ein Krimi. Teil IV

24. Januar 2020. Weil die Firmen-WG so weit weg vom Schuss ist und im ganzen Stadtteil keine Bushaltestelle ist, fahre ich nach Rostock um mein Fahrrad aus dem Lager zu holen. Ich rufe die Spedition an und kündige mich an. Sie bringen mir das Rad an den Bahnhof, sagt der nette Speditions-Chef. In Rostock steht sein Mitarbeiter schon mit Transporter direkt vor dem Haupteingang als mein Zug ankommt, händigt mir mein Fahrrad aus und bestätigt, dass es auch noch gut aufgepumpt ist, sonst hätte er das noch eben gemacht. Mann, sind die nett bei dieser Spedition, das ist schon fast gruselig.

25. Januar 2020. Meine künftige Marketing-Kollegin Josi bietet mir an, gemeinsam Kaffee trinken zu gehen. Wir treffen uns in einem Café in der Innenstadt. Drei Stunden später bin ich wieder zu Hause und denke, ich habe gerade meine erste neue Freundin gefunden.

26. Januar 2020. Mein illustrer Mitbewohner taucht auf. Er verkauft Katamarane und ist momentan im Praktikum und denkt, ist er ein ganz ein toller Typ. Ist er nicht. Aber für fünf Wochen ist er als Mitbewohner in Ordnung, vor allem, weil er fast jedes Wochenende nach Hause fährt und es mir nicht böse nimmt, dass ich nicht jeden Abend mit ihm essen gehe oder Pizza bestelle.

2. Februar 2020. Mein Mietvertrag für die eigene Wohnung liegt im Briefkasten. Ich kann es gar nicht fassen. Ich lese ihn extra-sorgfältig durch. Die Adresse stimmt dieses Mal, auch der Grundriss und die Größe und die Miete. Es sei ein Neubau, steht im Vertrag. „Naja, kann passieren“ denke ich. Schließlich ist das Haus von 2015 und damit noch nicht soo alt. Die Nebenkosten beinhalten den Strom in der Tiefgarage, steht im Vertrag. Schön, dass wir keine Tiefgarage haben. Die Beschriftung der Klingel kostet mich dann noch xx Euro, steht im Vertrag. Wie soll ich das nur dem Bankautomaten erklären, dass ich xx Euro brauche?
Ich schreibe dem Makler K. eine Mail und frage, ob er mir einen neuen Vertrag schicken will (hoffentlich nicht!) oder ob ich handschriftlich die entsprechenden Stellen ändern darf.

3. Februar 2020, morgens. Ich beginne meine neue Arbeit. Dank Fahrrad fahren sich die fünf Kilometer zur Arbeit recht fix, es ist ja schließlich alles platt hier. Na, wenn das nicht mal ein großer Vorteil am Norden ist.
Ich freue mich, dass ich mehr als die Hälfte der Leute im Marketing-Büro schon aus Düsseldorf kenne. Es riecht immer ein bisschen nach Plastik und Gummi wenn man zur Arbeit kommt, denn nur ein paar hundert Meter neben meinem Schreibtisch werden Boote gebaut. Spannend.

3. Februar 2020, später. Makler K. ruft an und teilt mir mit, dass es sich bei dem Vertrag um einen standardisierten Vordruck handele und er leider keine Änderungen vornehmen dürfe. Ich schüttele nur den Kopf und rufe Verwalter R. an. Er bestätigt, dass es sich um eine Standardfassung handele und bittet mich, ihm am Telefon den Namen des Vermieters auf dem Vertrag vorzulesen. „Ah gut, das ist der richtige“, sagt Verwalter R. Mein Kopf hört gar nicht mehr mit dem Schütteln auf.
Es ist ein Blanko-Vertrag. Ich unterschreibe ihn und schicke ihn an Verwalter R. Er will sich dann um die restlichen Unterschriften kümmern und schickt mir den Vertrag dann zurück. Warum einfach, wenn es offenbar auch so unendlich kompliziert geht? Ich warte also mal wieder auf einen Vertrag.

4. Februar 2020. Der Mann vom Küchenhaus ruft an und bestätigt mir die Lieferung meiner Küche am 18. März. Ich hoffe sehr, dass ich bis dahin eine Wohnung habe.

20. Februar 2020. Verwalter R. ruft an und bestätigt mir die Schlüsselübergabe für den 28. Februar. „Sie könnten auch schon früher rein, wenn Sie mögen. Wir können das auch gleich morgen machen.“ Ich muss ihn dran erinnern, dass die Vormieter erst kurz vor knapp die Wohnung verlassen werden. „Ach, stimmt ja“ sagt er. Ich glaube, er ist ein sehr verwirrter Mensch. „Morgen tu ich den Vertrag in die Post“ sagt Verwalter R. Ich bin gespannt.

20. Februar 2020, etwas später. Die Spedition ruft an und teilt mir mit, dass sie mir meine Möbel leider erst ab dem 6. März liefern können. Stille. Was?! „Das geht nicht“ sage ich ihm. Meine Eltern kommen in zwei Tagen und reisen am 6. März wieder ab. Sie kommen nur, um mir beim Einziehen zu helfen. „Was sollen sie denn helfen, wenn keine Möbel und Kartons da sind?“ frage ich den netten Speditionschef. „Ich kümmer mich drum“ sagt er. Ich bin noch gespannter.

24. Februar 2020, morgens. Wäre der Vertrag Freitag in die Post gegangen wie Verwalter R. gesagt hat, wäre er heute im Briefkasten. Ist er nicht.

24. Februar 2020, später. Immer noch nicht. Dafür ruft der Mann vom Küchenhaus an, druckst ein bisschen rum und sagt schließlich „Ich muss Ihnen da was mitteilen.“ Nein, nicht auch noch ein Problem mit der Küche! Die wildesten Gedanken schießen mir in den Kopf. Doch dann sagt er „Unser Lager ist momentan so voll und Ihre Sachen sind schon alle da. Wir müssten die Küche fünf Tage früher bringen.“ Mir fällt ein Stein vom Herzen.

24. Februar 2020, noch später. Die Spedition ruft an. Sie können mir meine Sachen am Montag bringen. Mir fällt ein ganzer Felsbrocken vom Herzen. Der nette Speditionschef ist hörbar erleichtert, dass er mich weiterhin glücklich machen kann.

26. Februar 2020, morgens. Ich werde ins Personalbüro gerufen um meinen Mietvertrag für die Firmen-WG zu unterschreiben. Die Kollegin fragt mich, ob ich die Kaution einfach ausfallen lassen will. Ich würde sie ja eh in vier Tagen wiederbekommen. Vielleicht haben die es hier einfach alle nicht so mit Verträgen und so.

26. Februar 2020, etwas später. Der Firmen-Hausmeister kommt zu mir und fragt mich, ob wir die Schlüsselübergabe der WG am nächsten Tag machen können, danach sei er im Urlaub. Ich verneine. Morgen habe ich noch keine Wohnung. Er findet einen Kollegen, der Montag gleich um 7 früh mit mir Übergabe macht.

26. Februar 2020, abends. Meine Eltern kommen mit einem bis zum Dach vollgestopften Auto in Greifswald an. Die Empfangsdame im Hotel denkt, sie wollen einziehen, als sie meine Pflanzen aus dem Auto tragen und im Hotelzimmer aufstellen.

27. Februar 2020. Am Nachmittag bekomme ich tatsächlich meinen Schlüssel für die neue Wohnung. Es ist eine direkte Übergabe, der alte Mieter geht heute raus, ich gehe heute rein. „Weiß gestrichen und besenrein“ ist die Wohnung laut Vertrag (den ich noch nicht habe) zu übergeben. Besenrein mag sie vielleicht sein, aber offenbar ist der Besen nicht an den Türklinken vorbei gekommen oder an den Fenstern oder an den Fußleisten oder im Duschabfluss.
Dafür hinterlässt mir der Vormieter seinen großen roten Sonnenschirm und drei Lampen, aber nur, weil er vergessen hat, sie abzuhängen.

28. Februar 2020. Josi kommt in alten Klamotten vorbei und wir streichen eine komplette Wand im Wohnzimmer weiß um die Flecken zu überdecken. Ich möchte außerdem eine grüne Wand in der Küche. Es werden Streifen. Vertikal statt horizontal. Und dank dem teuren „Extra-fürs-Streifen-malen-Malerkrepp“ werden es Streifen mit knubbeligen Ausbeulungen an seltsamen Stellen. Ich plane, die noch auszubessern.

29. Februar 2020. Nach einmal drüber schlafen sehen die verhunzten Streifen in der Küche gar nicht mal so schlecht aus. Vielleicht sage ich Besuchern einfach „das sollte so“.

2. März 2020. Morgens um kurz vor Sieben gebe ich die WG-Schlüssel ab. Ich schwinge mich ins Mietauto und will gerade losfahren zu meiner neuen Wohnung, da ruft der nette Speditionschef an. „Wir sind schon da“ sagt er. Ich spurte. Und endlich, endlich kriege ich Möbel und Kartons und meine geschenkte Waschmaschine und meine neue Wohnung ist wirklich meine.

2. März 2020, später. Nachdem Mama beim Nachbarn daheim nachgefragt hat, hat er den Stapel Post durchgeschaut, den er für meine Eltern aus dem Briefkasten geholt hat. Mein finaler Mietvertrag ist dabei. Klasse. Der Nachbar schickt mir den Vertrag nach Greifswald.

2. März 2020, noch später. Mein Bett wird geliefert. Es füllt sich in der Wohnung.

3. März 2020. Seit zwei Tagen wird es einfach nicht warm in meiner neuen Wohnung. Ich habe Fußbodenheizung, das kann ein bisschen dauern, wurde mir gesagt. Aber zwei Tage? Ich rufe den Hausmeister an, er gibt Anweisungen und später bestätigt Papa am Telefon „Ja, der Vormieter hat doch tatsächlich alle Hähne von der Heizung zugedreht.“ Was haben die nur alle gegen mich?

4. März 2020. Ich habe einen Mietvertrag! Mit allen nötigen Unterschriften und so. Fünf Tage nach Einzug…seems about right.

 

 

 


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