Unter der Mitternachtssonne

Egal wie kalt es im Norden auch ist, es geht immer noch kälter und bisher reichen mir meine vier Hosen auf Ausflug. Und eins gibt es nicht im Norden: Sonnenuntergang. Lustig, wenn auf unserem Tagesplan im Header steht: „Sonnenaufgang: ---“ und nächste Zeile „Sonnenuntergang: ---“.

sie will einfach nicht unter den Horizont!
sie will einfach nicht unter den Horizont!

So gibt es aber immer was zu feiern. Scheiß auf Vollmondparty – wir machen Sonnenuntergangsparty alle 17 Tage wenn es wieder dieser Tag ist, an dem wir zum ersten Mal wieder Sonnenuntergang haben. Und zwar an einem Tag, an dem es keinen Sonnenaufgang gab. Die Mitternachtssonne ist schon was cooles. In Spitzbergen geht ganze vier Monate im Jahr die Sonne nicht unter, dafür im Winter aber auch vier Monate lang gar nicht erst auf. Beeindruckend. Es heißt immer, dass es sehr viele Selbstmorde gibt in solchen Ländern. Kein Wunder, wenn man gar kein Tageslicht mehr sieht. So wie bei uns an Bord wenn wir krank sind. Dann sind wir an unsere Kabine gebunden, kein Fenster, keine Frischluft, da wird man auch schnell depressiv. Es gab vor ein paar Jahren eine Studie zu dem Thema in Spitzbergen und man fand erstaunlicherweise heraus, dass die meisten Suizide tatsächlich in der hellen Jahreszeit passieren – die Leute kommen einfach nicht mehr damit klar, dass es plötzlich so hell ist.

unendlicher Sonnenuntergang
unendlicher Sonnenuntergang

Die Mitternachtssonne findet statt am sogenannten Polartag. Das ist die eine der beiden nördlichen Jahreszeiten, in der es nicht dunkel wird, da die Sonne nie vollständig unter den Horizont sinkt. Steht man direkt am Nordpol, hat das Jahr also sozusagen einen Tag und eine Nacht, es gibt einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang. Die zweite Jahreszeit ist entsprechend die Polarnacht. Gleiches Spiel andersrum: die Sonne bleibt immer ein paar Grad unterhalb des Horizontes stehen. Das heißt nicht, dass es permanent stockfinster ist, aber es kommt eben nicht wirklich viel Licht auf der Erde an, wenn kein einziger Sonnenstrahl um die Kurve kommt. In Spitzbergen, auf 78° Breite ist schon richtig nah am Nordpol und daher ist die Mitternachtssonne extrem lang zu sehen. Vorausgesetzt, es nebelt, regnet, wolkt oder schneit nicht. Am Nordkap ist das so eine Sache. Jeder denkt „Mensch, im Sommer am Nordkap, da scheint die ganze Nacht die Sonne!“ und dann kommt man hin und dieser fiese Neben steigt aus der Bucht auf – natürlich; wenn dauernd die Sonne auf dem Wasser steht, verdampft halt auch mal was. Oder es ist einfach prinzipiell schlechtes Wetter. Wir hatten tatsächlich Gäste bei unserem Tages-Anlauf von Honningsvåg, die ihren Ausflug zum Nordkap stornierten, weil sie „ja tagsüber die Nordlichter gar nicht sehen“ – sie wollten dann auch nicht verstehen, dass es nachts sowieso auch hell ist und man Nordlichter im Sommer eh nicht sieht und überhaupt.

aah endlich wieder rauhe See!
aah endlich wieder rauhe See!

Naja, wir haben die langen hellen Abende immer sehr genossen. Mit den Kollegen abends ne Runde auf Deck 6 zum in-die-Ferne-schwelgen und Gäste-in-den-Suiten-obendrüber-neidisch-machen war immer was feines. Und das beste: wenn man merkt, dass der Sonnenuntergang toll ist, hat man eeewig Zeit, die Kamera von Kabinski zu holen, denn der Sonnenuntergang verändert sich ja einfach nicht! Island hat wunderbare Sonnenuntergänge und dazu noch so schöne Liegezeiten, dass wir abends nicht so wahnsinnig lang arbeiten mussten und schön mal noch ein bisschen Zeit hatten für ein bisschen Frischluft am Abend. Das ist es, was ich am meisten vermisse, wenn ich plötzlich wieder an Land bin.

norwegisch..."gammel" heißt "alt"
norwegisch..."gammel" heißt "alt"

Aber man gewöhnt sich schließlich an alles irgendwann wieder. Wie die Norweger. Wir kommen unter anderem in Bergen vorbei, das ist Nordeuropas regenreichste Stadt mit 250 Regentagen im Jahr. Da regnet es im Jahr so viel wie bei uns in Heidelberg in drei Jahren! Entsprechend waren unsere Ausflüge auch sehr nass, aber man sieht doch immer wieder coole Sachen, auch wenn das Wetter mal nicht ganz mitmacht. So standen in einem Dorf am Hardangerfjord alle Kinder des Dorfes in Regencape und Gummistiefeln auf einer Wiese, während die Papas am Rand stehen mit Gartenschläuchen und die Kiddies noch nasser machen, als sie eh schon vom Regen werden. Die spinnen, die Norweger. Aber ich mag sie irgendwie. Wenn sie reden, klingen sie immer total niedlich, weil ihre Sprache einfach total putzig klingt. Die Wörter sind so einfach lustig. Wer nennt einen Ort schon Å? Und wenn er es schon tut, dann doch wenigstens nicht aus dem einfachen Grund: „Das ist der letzte Ort auf der Lofotenstraße und Å ist der letzte Buchstabe des Alphabets. Tadaa!“ Ich bin auch durch den Ort „Oma“ gefahren. Da gibt’s dann die Oma-Straße, den Oma-Weg, die Oma-Bäckerei, …
Oder die nördlichste Insel der Welt (zwar nicht norwegisch, aber die Dänen reden ja auch so): die heißt Kaffeklubben Ø. Insel ist Ø. Und Kaffeklubben ist halt der Kaffeeclub. Die Insel wurde vom Entdecker benannt nach dem Kaffeeclub der Kopenhagener Uni. Ich glaube, ich würde mich schämen, wenn ich er wäre und nach hundert Jahren die Insel immer noch so heißt…

norwegische Busse wünschen zum Ferienbeginn einen schönen Sommer
norwegische Busse wünschen zum Ferienbeginn einen schönen Sommer

Die Norweger sind ein super entspanntes Völkchen. Möglichst wenig Stress und dann sind sie glücklich. Alles dauert unglaublich lange; als Seefahrer mit begrenztem Landgang und begrenzter Freizeit muss man sich in Norwegen immer drei Mal überlegen, ob man wirklich für die eine Dose Cola in den Supermarkt geht, denn manchmal dauert das ewig. Nichts ist wirklich wichtig, man macht halt vor sich hin und dann wird das schön. Und wenn dann doch mal was wirklich aufregendes passiert, ist aber auch gleich die Hölle los. So geschehen vor ein paar Jahren, als die Bryggen-Katze plötzlich weg war. Die Bryggen-Katze lebt in Bergens Altstadtviertel Bryggen, jeder kennt sie und sie darf in jedem Geschäft ein und aus gehen, wie sie grade lustig ist. Sie hat Bryggen noch nie verlassen und keinen störts, wenn sie sich irgendwo im Schaufenster fläzt. Und dann war die Bryggen-Katze eines Tages weg. Ihre Besitzerin suchte vergeblich und hängte schließlich Plakate auf. Ganz Bergen verbreitete das Plakat, denn die Bryggen-Katze war eine der größten Attraktionen dort. Und nach ein paar Wochen erreicht die Besitzerin ein Anruf: „Wir haben ihre Katze!“

das richtige Norwegen: die Lofoten
das richtige Norwegen: die Lofoten

Sie fragte, ob sie sie gleich am Nachmittag abholen könne. Darauf kam die Antwort „Nein, das ist eher schlecht. Wir sind in St Lucia.“ Die Bryggen-Katze ist einer amerikanischen Reisegruppe die paar hundert Meter zum Hafen gefolgt und hat sich unbemerkt aufs Schiff geschlichen. Die waren dann lang weg von Bergen, als die Katze auffiel, jemand nahm sich ihrer an und so blieb sie eben bis in die Karibik. Sieben Wochen später war das Schiff zurück in Bergen, bis dahin hatte sich die Geschichte natürlich schon überall verbreitet und als die Bryggen-Katze von Bord gebracht und ihrer Besitzerin in die Arme gesetzt wurde, jubelte das Empfangskommittee am Hafenbecken, was aus so ziemlich allen Bewohnern und Besuchern Bergens sowie jeder Menge Radio- und Fernsehleuten bestand.

"zum hurtigen Boot"
"zum hurtigen Boot"

Egal wie aufwändig, Hauptsache keinen Stress. Die norwegischen Postschiffe der Hurtigruten machen sich auch keinen Stress. Soll doch an Bord kommen, wer Lust hat. Security? Überbewertet. Gepäckdurchleuchtung? Unnütz. Haben Scout-Kollege Chris und ich direkt mal ausprobiert. Wir hatten beide auf Ausflug eine Stunde Freizeit in Tromsø und dann lag da halt grad die MS Nordkapp im Hafen und wir dachten „Hey, probieren wir doch mal aus!“ Man geht einfach aufs Hafengelände. Nicht wie bei uns mit zeigen der Bordkarte. Man geht einfach auf die Gangway. Nicht wie bei uns mit zeigen der Bordkarte. Man geht an Bord. Wie bei uns mit zeigen der Bordkarte. Unserer Bordkarte. Die nette Dame fragte, ob wir uns ausweisen können. Uns wird ja beim Aufstieg der Pass abgenommen und wir können uns fortan nur mit Perso und unserer Crewkarte ausweisen. „Reicht“, sagte sie und wir bekamen unseren Besucherausweis und durften uns an Bord umschauen. Die Restaurants haben wir beschaut und den natürlich den Ausflugsschalter. Genau andersrum als bei uns: die Ausflugsübersicht ist ein 150-seitiges Ungetüm mit Farbbildern und Index und der Reisenkatalog ist ein vierseitiger Flyer. Naja…andere Prioritäten halt.
Und weil die Hurtigruten ja eigentlich eher eine Fähr- als eine Kreuzfahrtlinie sind, gibt es auch Gäste, die nur ein paar Stunden an Bord sind, und somit kann man ganz normal mit Kreditkarte zahlen. Auch in der bordeigenen Eisdiele mit Eis, das schmeckt wie frischgebackener Rhabarberkuchen von Mama. Oder wie drei Tafeln Schokolade auf einmal. Oder wie ein Werthers Bonbon. Oder wie ganz normales Sahneeis…bis man auf ein Stück Stockfisch beißt…wuaaah.

Die spinnen, die Norweger. Aber würden sie nicht spinnen, wäre ihr Land nicht annähernd so spannend.

 

 

 

 


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