Ein kleiner dicker Nachbar

Khiva war der letzte Stopp für uns bevor es zurück nach Tashkent ging. Schreibweisen sind irgendwie fließend in Usbekistan durch die vielen verschiedenen Sprachen, die gesprochen werden oder die Einfluss auf das Land hatten. Weil auf Kyrillisch der erste Buchstabe X ist, schreibt man es manchmal auch mit X oder europäisiert mit Ch oder mit H wenn man das Arabische transkribiert. Gesprochen wird es immer gleich, wie ein Ch ganz weit hinten im Rachen (so wie das Ch im deutschen Wort „Rachen“ by the way).

Khiva Innenstadt mit Kalta Minor
Khiva Innenstadt mit Kalta Minor

Khiva ist auch auf der UNESCO-Welterbeliste, bzw. die ummauerte Innenstadt. Und schon wieder waren wir nicht annähernd aufgeregt genug als wir ankamen. Denn nun hatten wir ja wirklich schon alle Möglichkeiten gesehen, wie so eine Altstadt mit Moscheen und Madrasahs und blauen Kacheln überall aussehen kann. Dachten wir. Aber schon wieder falsch gedacht: Khiva ist eigentlich eine komplette Museumsstadt. Durch die Stadttore kommen nur Autos mit Sondergenehmigung, meist ganz kleine Elektroflitzer, die das Gepäck der Touristen zu den Hotels bringen, denn die Busse müssen draußen bleiben. Die gesamte Innenstadt ist Fußgängerzone und wenn nicht mal auf den Straßen was los ist, macht das doch nochmal einen ganz anderen Eindruck als Samarkand und Bukhara.

Islam-Khodja-Minarett
Islam-Khodja-Minarett

 

Die Häuser der Innenstadtbewohner sind meist mit einer Schicht aus Lehm und Stroh verputzt, da sieht man teilweise sogar die Strohenden aus der Wand gucken. Ein bisschen hat mich das an ein Projekt in der Grundschule erinnert, wo wir bei einem Afrika-Projekt kleine Modellhäuser bauen und mit „Matsch“ verkleiden mussten. Sehr stabil und sehr dicht – und perfekt bei diesem Wetter. Khiva war der heißeste Ort unserer Reise, aber weil es ziemlich trocken ist dank der vielen Wüste außenrum ging es ganz gut auszuhalten. Ein bisschen geschafft waren wir aber doch nach dem Aufstieg auf das wunderschöne Islam-Khodja-Minarett.

Aussicht vom Islam-Khodja-Minarett (auf Fotos irgendwie spektakulärer als in echt...)
Aussicht vom Islam-Khodja-Minarett (auf Fotos irgendwie spektakulärer als in echt...)

Es ist mit 45 Metern das höchste der Minarette in der Innenstadt und wurde ohne Moschee gebaut, sondern gehörte zur Madrasah nebenan. Es ist erst gut 100 Jahre alt – gut, denn wäre es noch älter, wären die Stufen bestimmt noch unebener und höher gewesen. Schon so gingen mir die Stufen bis kurz unters Knie und als wir wieder unten waren mussten wir erstmal sitzen und verschnaufen. Der Auf- und Abstieg war aber irgendwie das aufregendste an der ganzen Aktion, denn der Ausblick war weniger beeindruckend als gedacht. Oben gibt es eine kleine Plattform, die in keinster Weise zur Treppe abgesperrt ist. Wenn man also die Runde entlang der schmalen Fensternischen macht, muss man immer einen Blick über die Schulter werfen, damit man nicht rücklings ins Treppenhaus fällt.

Alla-Kuli-Khan-Madrasah
Alla-Kuli-Khan-Madrasah

 

Einen eigentlich genauso schönen (wenn auch etwas niedrigeren) Ausblick wie von der Minarettspitze hatten wir am Abend vorher beim gemeinsamen Abendessen mit unserer Reisegruppe. Laziz hatte uns einen Tisch reserviert auf einer Dachterrasse direkt gegenüber der Alla-Kuli-Khan-Madrasah, die man im Laufe des Essens in all ihrer Schönheit bei Tag, während der Abenddämmerung und schön beleuchtet im Dunkeln bestaunen konnte.
Im Dunkeln durch die Städte bummeln macht richtig Spaß in Usbekistan. Man fühlt sich so sicher in den Innenstädten, obwohl man außer in Form von Moschee-Sicherheitskräften nie irgendwo Polizei sieht. Schon erstaunlich, dass es hier keine Kriminalität gegenüber Touristen zu geben scheint. In unserem Hotel wurde drauf bestanden, dass wir die Schlüssel dort lassen, wenn wir das Haus verlassen, aber wenn wir durch die offenstehende Haustür abends rein kamen, lagen immer alle Schlüssel von allen Zimmern ganz frei für alle zugänglich auf dem Tresen der nicht-besetzten Rezeption.

unglaublich bunter Thronsaal in der Kuhna-Ark-Festung
unglaublich bunter Thronsaal in der Kuhna-Ark-Festung

In Khiva kann man richtig schön bummeln gehen abends. Die Marktstände sind bis spätabends offen und die Temperatur ist endlich so, dass man sich einfach nur wohl fühlt. Am Tag dafür dann Hitze bis zum Umfallen. Gut, dass wir auch ein paar Ältere in der Reisegruppe hatten, so waren die Stadtrundgänge immer eher gemütlicheren Tempos und man konnte schön lang verschnaufen in den kühleren Innenhöfen der Madrasahs und Moscheen. Innenhöfe gab es auch zuhauf in der Kuhna-Ark-Festung, die an ein Teil der Stadtmauer stößt. Und ausnahmsweise gab es sogar mal ausgestattete Räume, die nicht komplett zur Ausstellungsfläche umfunktioniert wurden. Der Thronsaal war ganz herrlich mit quietschig-bunt-bemalten Wänden, einer bunten Holzdecke, dicken rot-bunten Teppichen und kleinen Beistelltischen in allen möglichen verschiedenen Mustern, aber alle sehr bunt. Ein bisschen übertrieben, aber irgendwie passt das Gesamtbild dann doch wieder.
Auch die einheimische Mode ist sehr bunt und gemustert. Die langen weiten Klamotten der Frauen sehen immer total toll aus und eigentlich denkt man, es müsste sich ganz fürchterlich beißen, aber irgendwie passt es dann wieder super zusammen.

Maybe Car For Travel
Maybe Car For Travel

 

In Khiva ist alles ganz nah beieinander. Klar, wenn es keine Autos gibt, braucht man auch keine riesigen Straßen. Die Gassen können von kleinen Elektrofahrzeugen trotzdem passiert werden, so zum Beispiel auch vom „Maybe Car for Travel“, das immer am selben Platz stand und auf Fahrgäste wartete. Vermutlich war der Name nur ein nicht ganz perfekter übersetzter Begriff für eine Stadtrundfahrt, aber er regte uns zu den spannendsten Diskussionen an: Ist es ein Auto oder fühlt es sich nur wie eins? Ist es vielleicht ein Auto oder vielleicht für Travel oder vielleicht beides? Und ist der Fahrer auch nur vielleicht der Fahrer?

Juma-Moschee
Juma-Moschee

Ebenfalls in der Nähe war jedenfalls auch die größte Moschee der Stadt, die ein perfektes Beispiel alter Moscheen-Baukunst ist. Die Juma-Moschee hat eine ganz flache Decke und keine Kuppeln, wie es üblich war bis vor etwa 1.300 Jahren. Andere solche Beispiele gibt es wohl nirgends sonst heute zu sehen. Und die Moschee war schon etwas ganz besonderes. Es gibt keine  blankpolierten Kacheln an den Wänden und Decken, stattdessen aber mehr als 200 hölzerne Säulen, die alle ganz wunderbar geschnitzt wurden und unterschiedliche Motive, Formen und Sockel haben. Es gibt auch keine Fenster, dafür aber Oberlichter, also ist es immer ein bisschen Schummerlicht in der Moschee und im Sommer ist es ganz kühl und still.
Das Minarett dazu ist dann aber wiederum genau, wie man es sich vorstellt: hoch, sandfarben und mit blauen Kacheln verziert, diesmal in einem hübschen Querstreifenmuster.

Noch ein hübsches Minarett gibt es in Khiva, das es so nirgends sonst gibt. Es heißt Kalta Minor oder „der kleine Dicke“. Es ist eigentlich nie ein Minarett gewesen, sondern sollte nur eins werden, und zwar das allerhöchste in der ganzen islamischen Welt. Aufzeichnungen sagen, dass der Turm bis zu 80 Meter hoch werden sollte, aber nach nicht mal ganz 30 Metern ist der auftraggebende Herrscher getötet worden. Der Erbauer wollte dann nicht mehr weiterbauen, bis er jemand anderen fand, der weiter dafür bezahlen würde. Die Tradition sagte, dass jedes Minarett nach demjenigen benannt werden soll, der es in Auftrag gegeben hat, und so wollte keiner mehr dafür bezahlen und der Turm wurde nie zu Ende gebaut.
Vermutlich hätte aber ein 80 Meter hoher Turm sowieso nicht erlebt und so hat Khiva heute eben ein Drittel Minarett, ein tolles Wahrzeichen und eine Geschichte mehr den Touristen zu erzählen.

Stadtmauer mit alten Grabstätten
Stadtmauer mit alten Grabstätten

Das alles ist in einem ganz kleinen Umkreis zu finden, alles innerhalb der alten Stadtmauer mit ihren vier großen Stadttoren. Die waren früher bewacht, genauso wie die Mauern auch. Aber man hatte noch andere Ideen, um die Stadt zu schützen. Im Islam ist es verboten, die Ruhe der Toten zu stören, also darf man nicht über Gräber steigen. Die Stadtherren nahmen sich das ganz schlau zu Hilfe für ihre Stadtbefestigung und beerdigten ihre Toten auf die weniger steilen Teile der Stadtmauer. Heute sieht man da komische Knubbel in der Wand, das sind die Särge, die dort eingebunden wurden. So konnte ein Feind also nicht einfach die Mauer rausklettern, sondern musste wenn dann ganz langsam um die Grabstätten rumsteigen, was den Wachposten genug Zeit gab, den Herrscher zu warnen.

typisch: man sitzt auf dem Taptschan bei Plov und Obi-Non
typisch: man sitzt auf dem Taptschan bei Plov und Obi-Non

Nach zwei Tagen hatten wir genug von der Hitze und auch wenn wir unser Hotel in einer ehemaligen Madrasah und in ehemaligen Koranschüler-Zimmern mit tollem Innenhof total liebten, wurde es Zeit für den Aufbruch. Um nicht zwölf oder mehr Stunden im Bus sitzen zu müssen, ging es nur bis zur nächsten Stadt Urgench, von wo uns ein Inlandsflug zurück nach Tashkent brachte für die letzten paar Atemzüge Urlaubsluft.

 

 

 


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