Bunte Häuschen, blanker Fels

Den Prins Christian Sund haben wir in strahlendem Sonnenschein hinter uns gelassen und schon wartete das nächste Highlight unserer Transatlantikreise: einmal einen Fuß auf grönländischen Boden setzen. Das Wetter blieb uns wohlgesonnen und es erwartete uns ein traumhafter halber Tag in Qaqortoq.

Qaqortoqs Hafen
Qaqortoqs Hafen

Der Qaqortoqer Hafen ist winzig und absolut nicht geeignet für einen Großdampfer wie unsere Diva. Also blieben wir auf Reede liegen mit einem tollen Blick auf die bunten Häuschen, die die Küste säumen. Um alle Gäste einigermaßen geordnet an Land zu bringen, arbeiteten wir mit sogenannten Tendertickets. Das war neu für mich, denn bisher bin ich nur so getendert, dass jeder in ein Boot hüpft und an Land gebracht wird und gut ist’s. Mit Tickets geht die große Hektik an Bord los und wir waren froh, dass es zu keiner ausgewachsenen Schlägerei um die besten Tenderzeiten kam. Im Akkord gaben wir Tickets aus, wer zuerst kam, bekam Zugang zu den begehrtesten Tenderbooten. Die schlausten unter unseren Gästen nahmen sich eins der frühesten Boote und waren zurück an Bord, bevor der große Mittagsstress an der Pier losging, aber die meisten wollen im Urlaub halt doch ausschlafen und nicht um Sieben auf der Matte stehen.

gibt schlimmere Orte für ein Picknick
gibt schlimmere Orte für ein Picknick

Ganz was besonderes hatte Qaqortoq auch für unser Team. Ein Hafen mit mehreren Stunden Landgang und kein einziger Ausflug stand auf dem Programm! Unsere Biker nahmen eine Truppe Radbegeisterter mit an Land, aber so etwas wie Reiseleiter gibt es nicht in Qaqortoq und Busse schon gleich gar nicht. Es gibt tatsächlich nicht mal eine Hafenagentur, die uns irgendetwas organisieren könnte. Kurz war angedacht, dass wir einen Scout-Ausflug anbieten und selber Reiseleiter spielen. Hätte ich ja sehr Lust drauf gehabt, aber irgendeinem Vielgestreiften war das nicht offiziell genug, also ließen wir es dann doch bleiben. Damit wir wenigstens irgendwas von unserem Stopp in Grönland hatten, wurde der Geburtstag eines Kollegen kurzerhand an Land verlegt, wir tenderten mit Rucksäcken voll Schampus und Schokolade an Land, kletterten auf einen der blanken Felsen und machten im strahlenden Sonnenschein Geburtstagspicknick mit grandiosem Ausblick über die Bucht und viel Neid unserer Gäste, die verstohlen einen Blick über die Schulter zurück warfen um sich zu vergewissern, dass wir tatsächlich grade Champagner in Grönland trinken.

DER Touristenshop in Qaqortoq
DER Touristenshop in Qaqortoq

Viel gibt es sonst tatsächlich nicht zu tun in Qaqortoq. Der Souvenirladen war leicht überfordert und so waren nach der Hälfte unserer Liegezeit die Eisbären-Magneten ausverkauft. So sehr sie sich auch bemühten, den ausgefallenen Gewinn wettzumachen, niemand ließ sich dazu hinreißen, etwas aus Seehundfell zu kaufen. Verständlich, da es beim Zoll vermutlich richtig viel zu erklären gäbe, wenn man plötzlich mit Seehundfellstiefeln ankäme. Andererseits kann die Inuit-Bevölkerung hier eben nicht vom Tourismus leben und neben Fischerei und Jagd bestreiten sie ihren Lebensunterhalt mit den Überbleibseln der Jagd. Wie es sich gehört, wird alles vom Tier verwertet, das man erlegt. Das Fleisch wird gebraten oder haltbar gemacht für die harten Winter, aus dem Fell wird Kleidung hergestellt oder Decken, das Leder wird ebenfalls verarbeitet, aus Zähnen und Knochen wird Kunsthandwerk gemacht. Um den Inuit eine bessere Lebensgrundlage zu ermöglichen, wurden die Gesetze gelockert, was den Handel mit Robbenfellen angeht. Wenn man hier etwas aus Robbenfell kauft, bekommt man ein Zertifikat, das die Herkunft bestätigt und somit aus Inuit-Hand kommt und die Inuit direkt unterstützt, aber trotzdem machen europäische Behörden wohl häufig Stress und die Inuit haben richtig zu kämpfen, weil sie ihre Produkte international nur an den asiatischen und russischen Raum verkaufen können.

Kirche? Oder Eisberg?
Kirche? Oder Eisberg?

Die kleinen Ortschaften haben es wirklich nicht leicht. Eine extreme Auswanderung führt dazu, dass die Orte langsam aussterben und so viel Kultur verloren geht. Qaqortoq ist noch die größte Stadt im Süden und die viertgrößte Stadt in ganz Grönland. Es gibt alles, was die 3.000 Einwohner zum Leben brauchen: es gibt ein Gymnasium und ein Trainingszentrum, wo die Jugendlichen eine Ausbildung machen können, arbeiten tut man in der Werft oder in der Gerberei, aus der die Robbenfelle kommen, die im Souvenirladen landen. Es gibt Rentierfarmen und natürlich extrem reiche Fischereigründe überall vor der Küste. Im Sommer ist es warm genug, damit man sogar etwas im eigenen Garten anbauen kann. Aber alles, was nicht selbst hergestellt werden kann, muss per Helikopter oder per Schiff angeliefert werden und ist unglaublich teuer.

Rockschuppen
Rockschuppen

Die meisten Einheimischen, die wir sahen, waren eindeutig Inuit. Für uns sahen sie alle gleich aus, wie es manche Völker eben so an sich haben – und vermutlich sahen wir für sie auch alle gleich aus in unseren bunten Jacken und Bommelmützen. Ein paar wenige wirkten, als wären irgendwann mal europäische Gene eingeflossen, und da sieht man auch sofort eins der größten Probleme des Ortes (und vieler anderer vermutlich auch): seit Jahrzehnten und Jahrhunderten leben hier die gleichen Menschen und durch die extrem schlechte Anbindung an die Außenwelt kommt auch kaum jemand neues dazu. Man beginnt sich ernsthaft Sorgen zu machen, was in der näheren Zukunft mit der Bevölkerung passieren wird, denn eindeutige Folgen von mehreren Generationen Inzucht sind in fast allen Familien zu spüren.
Idylle hin oder her, manchmal bringt Abgeschiedenheit eben auch wirklich große Probleme mit sich. Man wird sehen, wie lang solche Orte überleben, aber noch sind sie süß und hübsch anzusehen und wenn es sogar einen Hardrock-Café-Verschnitt gibt, muss man es eigentlich lieben. Für einen Tag ist Qaqortoq jedenfalls den Besuch wert.

 

 

 

 

 


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